Bangkok: Ein Reisepass zu Weihnachten

Weihnachten im buddhistischen Thailand? Gibt es. Wenn auch ganz anders als in heimatlichen Gefilden. Mir hat Siams Hauptstadt Bangkok zum frohen Fest sogar einmal einen Reisepass geschenkt.

Weihnachten im buddhistischen Thailand? Gibt es. Wenn auch ganz anders als in heimatlichen Gefilden. Mir hat Siams Hauptstadt Bangkok zum frohen Fest sogar einmal einen Reisepass geschenkt.

Mein Griff ging ins Leere. Routinemäßig, fast schon automatisch, überprüfe ich auf Reisen immer mal wieder den Verbleib wichtiger Utensilien in den diversen Taschen meiner üblichen Travellerjacke: Geld, Autoschlüssel, Reisepass. Ich vermeide es nach Möglichkeit, im touristischen oder städtischen Umfeld oder gar beim Autofahren in Thailand auf Pass oder den internationalen und nationalen Führerschein zu verzichten, gar mich nur mit Kopien dieser Dokumente zu begnügen. Lieber mache ich mir die Mühe und habe alle diese Sachen gleich im Original dabei, an jeweils einem festen Platz in meiner Jacke. Doch als meine Hand an jenem Heiligabend zu Beginn der Christmette in einer kleinen Bangkoker Kapelle an die für den Reisepass reservierte Stelle fasste, fand sie – nichts. Und das empfand ich wiederum – trotz aller harmonischer Weihnachtsgefühle um mich herum – durchaus beunruhigend. Sollte ich den Pass im Auto liegen gelassen haben? Wie unvorsichtig mitten in Bangkok. Selbst an Weihnachten! Oder gerade dann. Das sollte ich eigentlich wissen, der ich nicht zum ersten Mal Weihnachten im Warmen fernab der Heimat verbrachte.

Weihnachten unter Palmen bei 35 Grad am feinsandigen Meeresstrand“.

Nicht wenige Reiseveranstalter malen dieses Klischeebild für potenzielle Kunden von Pauschalreisen, die des heimischen Weihnachtsstresses und des üblichen Schmuddelwetters in dieser Jahreszeit überdrüssig sind. Und tatsächlich ist es ein besonderes Erlebnis, Weihnachten fern der europäischen Heimat in tropischen Gefilden zu verbringen. Mein erstes Weihnachten „far away“ erlebte ich im indischen Goa, allerdings wie immer ohne Pauschalbuchung, sondern selbst organisiert. Goa hat als ehemalige portugiesische Kolonie – der Kleinstaat wurde erst rund zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens ein Teil der subkontinentalen Nation – eine veritable katholische Vergangenheit, die mit rund dreißig Prozent katholischer Bevölkerung auch heutzutage noch alltagsrelevant ist. Insofern ist das Feiern von Weihnachten und die Verwendung der typischen Weihnachtssymbolik dort kein Produkt von Marketingstrategen, sondern historisch gewachsen.

Das verhält sich in Thailand anders. Siam ist natürlich traditionell ein buddhistisches Land – allerdings mit einer spürbaren und wahrnehmbaren Minderheit an Bewohnern muslimischen Glaubens. Die trifft man insbesondere im Süden des Landes, aber auch im Ballungsgebiet rund um und im Stadtzentrum von Bangkok. Und es handelt sich dabei nicht um Touristen oder Zugewanderte, sondern um originäre thailändische Staatsbürger, die sich – abgesehen von einer rebellischen Minderheit – als Teil der thailändischen Gesellschaft verstehen, egal ob als 7/11-Mitarbeiterin oder als Bankangestellte und unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.

Weniger als 1 Prozent der rund 70 Millionen Bewohner Thailands sind katholischen Glaubens. Im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern – Vietnam oder die Philippinen zum Beispiel, die wie Goa eine Kolonialgeschichte haben und damit auch eine christliche Missionierungsphase hatten – war Thailand immer das nichtkolonialisierte „Land der Freien“ und somit auch niemals einem oft machtpolitisch und weniger auf Glaubensüberzeugungen beruhendem Missionierungsdruck ausgesetzt. Die wenigen Christen in Thailand sind sozusagen „Überzeugungsgläubige“ und so war der Papstbesuch vor wenigen Wochen für diese Thailänder eine ganz besondere Wertschätzung.

Im Gegensatz zu der „großen Minderheit“ der Muslime, wird man der „kleinen Minderheit“ der Christen im öffentlichen Bild Thailands kaum gewahr. Zwar begegnet man – bisweilen sogar überraschend in provinziellen Gebieten, aber natürlich vor allem in Bangkok – Kirchengebäuden oder christlicher Symbolik. Aber das ist eindeutig die Ausnahme statt der Regel.

„Geschenkefest“ abseits der Touristenroute:
Überraschender Weihnachtsbaum in der Amphoe von Sangkha/Surin Province, Isaan.

Die Symbole des westlichen Weihnachtsfestes haben aber ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu Religionen natürlich längst auch in Thailand Einzug gehalten. Ob Kirche oder Coca-Cola dazu den entscheidenden Beitrag geleistet haben, wäre sicherlich eine interessante Untersuchung wert. Jedenfalls vermute ich, dass der rote Weihnachtsmann in Thailand bekannter ist als das blonde Christkind. Viele Thais, bei denen Weihnachten derzeit trendet – so wie bei uns das lange Zeit unbekannte und unbedeutende Halloween – nennen es einfach das „Geschenkefest“ ohne jegliche Verlinkung zum eigentlich Inhalt und Anlass von Weihnachten, was sich aber zunehmend ja nicht mehr unterscheidet zu den Gesellschaften des sogenannten christlichen Abendlandes.

Dennoch ist es natürlich etwas Besonderes, Weihnachten in Thailand zu verbringen. Sonnenschein statt Schmuddelwetter. Wan Tan statt Weihnachtsgebäck. Angenehme Unaufgeregtheit statt Festtagsrummel.

Es gibt aber eben auch das christliche Weihnachten in Thailand, zumeist geprägt durch die Expat-Communities im ganzen Land, vor allem aber in den Touristen- und Rentnerhochburgen. So lassen sich im deutschen, christlichen Begegnungszentrum in der Partystadt Pattaya am Heiligabend vor Rührung weinende Veteranen der sextouristischen Soi6-Gasse antreffen, die dann doch im Weihnachtsgottesdienst einen Hauch der eigentlichen Botschaften und der eigenen heimatlichen Weihnachtserinnerungen erhascht.

Ein Hort katholischen Glaubens ist an Bangkoks Sathorn Road zu finden. Diese belebte Magistrale beherbergt in Central Bangkok nicht nur eine Unzahl internationaler Firmensitze und neben der deutschen und der österreichischen viele weitere Botschaften der Länder dieser Erde, sondern auch das weitläufige Gelände des katholischen St. Louis Hospital.  Auf diesem Gelände befindet sich neben dem großen Krankenhaus auch die apostolische Nuntiatur – also die Botschaft des Vatikans. Dort treffen sich zur Christmette in später Stunde die thaisprachigen Katholiken im großen Gotteshaus und die kleine deutschsprachige, katholische Community in eben jener Kapelle, in der ich mich nach dem Pass tastend an diesem Heiligabend befand.

In Deutschland gehört für mich noch immer der Besuch in der Kirche zu Weihnachten. Nicht nur wegen der Kinder oder meiner tiefgläubigen Mutter.  Auf Reisen muss es nicht unbedingt sein und ich verbrachte durchaus schon Heiligabende im Strandrestaurant von Bang Sare oder anderen Orten ohne Kirchgang. In Goa trieb mich einst die Neugier in den Gottesdienst an Heiligabend. Aber eine besondere „indische“ Inszenierung erlebte ich nicht – das Ritual lief wie zuhause ab. Keine besondere indisch-spirituelle Erweiterung. Es war halt nur wärmer und die Festtagskleidung bunter.  Die Bangkoker Kapelle suchte ich am Heiligabend – trotz geschäftiger Verkehrslage – insbesondere wegen meiner Mutter auf, die mich und meine Frau damals erstmals auf einem Thailandtrip begleitete.

Eigentlich ist es eine Absurdität, sich in Bangkok freiwillig mit einem Auto fortzubewegen. Ich gebe es zu: ab und an komme ich jedoch nicht drumherum – sei es selbstfahrend oder mit dem Taxi. Auch bei meinem Erlebnis mit dem Reisepass war ich per Auto unterwegs, da wir uns von Samut Prakhan aus nach Downtown BKK aufmachen mussten.

Selbstverständlich wurden wir bei unserem kurzen Trip zum weihnachtlichen Dinner und zur Christmette Bestandteil des üblichen Bangkoker Verkehrschaos. Und ich vermute, das war – im Gegensatz zu deutschen Innenstädten – keineswegs nur dem Weihnachtsfest geschuldet. In Bangkok herrscht eigentlich immer Rush-Hour und so tankten wir uns mehr schlecht als recht durch den Verkehr nach Sonnenuntergang. Schon in die Sathorn Road eingebogen, ereilte mich dann ein Schicksal, das ich mir nicht nur mit tausenden Bangkokern täglich teile, sondern das gelegentlich Systembestandteil für ein einigermaßen zügiges Vorankommen im Stadtverkehr von Krung Thep ist: Ich landete auf einer überraschenden Linksabbiegespur an einer Stelle, wo ich eigentlich geradeaus fahren wollte. Mit elegantem Schwung platzierte ich unmittelbar vor einer Ampelanlage den Wagen doch noch wieder in die richtige Spur. Allerdings hatte ich diese Manöverrechnung ohne den Uniformierten gemacht, der in einem eigens von der Verkehrspolizei eingerichteten „Aquarium“ mit breiter Fensterfront über die Ordnung an der Verkehrskreuzung wachte. Und da sich mein „Move“ nun einmal direkt vor den Augen des Ordnungshüters abspielte, war er dankbar für die Gelegenheit, kurz vor dem mutmaßlichen Heimattrip anlässlich des Jahreswechsels, seinen Teegeld-Etat ein wenig ausbauen: strenger Blick, Mütze zurechtgerückt, das „Aquarium“ verlassen und die Kelle raus: bitte links ranfahren. So lernte ich das Aquarium von innen kennen und wurde – nachdem ich meine kleine Führerscheinsammlung vorzeigen durfte – Zeuge einer längeren Preisverhandlung zwischen meiner thailändischen Frau und dem Diensthabenden, der allein die Amtsstube personalisierte. Schnell wurde mir klar, dass für die Bestrafung dieses nachhaltigen Vergehens des Spurwechsels unmittelbar vor der Ampelanlage kein in einem Bußgeldkatalog vorgeschriebener Betrag fällig wurde, sondern eine frei auszuhandelnde Summe. That´s Thailand. Meiner Frau – die sich als solche nicht zu erkennen gab, sondern als „Reisebetreuerin“ des älteren Ehepaares, also meiner Mutter und mir, fungierte, handelte schließlich für die unbedarften und ahnungslosen Farang einen satten Rabatt heraus. Und so konnten wir – um etwa 500 Baht ärmer – unsere Fahrt fortsetzen. Es war übrigens für mich das einzige Mal, dass ich persönlich in Thailand Zeuge und Betroffener einer solchen Bußgeldforderung und Verhandlung wurde, obwohl ich in den letzten anderthalb Jahrzehnten schon viele, viele tausend Kilometer selbstfahrend im Land des Lächelns unterwegs war und dabei immer mal wieder von Polizisten angehalten und überprüft wurde.

Den Pass musste übrigens ich bei der Verkehrskontrolle nicht vorzeigen. Insofern konnte ich mich – während die anderen in der Kapelle der Geschichte vom Stall, den Hirten und dem Stern mit diesem typischem Weihnachtsglanz in den Augen folgten – beim Zermartern meines Gehirnes nach dem Verbleib des Dokumentes nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal bewusst meinen Pass in der Jackentasche gespürt hatte. Nur über eines war ich mir sicher: Ich hatte ihn garantiert eingesteckt und nicht in meiner Bleibe in der Vorstadt liegen lassen. Da ich niemandem der Faszination des Weihnachtsgottesdienstes und seiner besonderen Gefühle berauben wollte, hielt ich unruhig bis zum Ende durch und gestand meinen Begleiterinnen erst während des Empfangs, zu dem der Nuntius deutschsprachige und thailändische Gäste der Gottesdienste eingeladen hatte, den bemerkten Verlust. Im dunklen Schatten des Parkhauses der Klinik ertasteten wir wenige Minuten später den kompletten Innenraum des Wagens auf der Suche nach dem Dokument – erfolglos.

Wo war das Ding?

Vor dem Gottesdienst hatte ich zum Weihnachtsdinner in das Restaurant „Blue Elephant“ ganz in der Nähe eingeladen. Heute am Festtag sollte es mal nicht Plastikgeschirr oder Garküchenstand sein, sondern thailändisch-asiatische Fusionsküche in gehobenem Ambiente. Der Laden ist durchaus empfehlenswert, wenn es einmal etwas Besonderes sein darf. Nicht so signifikant wie ein Tee auf der herrlichen Flussterrasse des Oriental Hotel, aber trotzdem durchaus ein Highlight der gehobenen Art in der Bangkoker Gastronomie-Landschaft.

Auf der Suche nach dem Pass kehrten wir nun dorthin zurück, blieben aber erfolglos. Nein, einen Reisepass habe man nicht gefunden, versicherte das Personal kurz vor Feierabend. Auch das Inspizieren unseres vorherigen Tisches brachte kein positives Ergebnis.

Sollte ich ihn etwa doch bei der Polizeikontrolle verloren haben? Wir kehrten – inzwischen weit nach Mitternacht – dorthin zurück, in der Hoffnung unseren vorherigen diensthabenden Verhandlungspartner anzutreffen. Indes: das Aquarium war inzwischen schon „wegen Reichtum geschlossen“. Ich versuchte, einen Blick ins Innere zu werfen, ob ich dort auf dem Schreibtisch vielleicht meinen sichergestellten Pass zu Augen bekam. Nichts.

Ziemlich frustriert und mit gänzlich unweihnachtlichen Gefühlen zog ich mich verzweifelt in die dunkelste Ecke des geschotterten Aquarium-Vorplatz zurück. So ein Mist. Morgen wollten wir in den Isaan und nach Silvester ganz runter über Hua Hin und Bang Saphan bis Khao Lak und Phuket. Konnte ich ohne Pass diese ganzen Trips canceln und stattdessen hier im Moloch Bangkok auf die Wiedereröffnung der deutschen Botschaft nach den Weihnachtsfeiertagen warten? Wie konnte mir sowas dummes passieren? Lag das Ding vielleicht wenigstens doch noch in Samut Prakhan? Würde ich mit einer Passkopie den Rest des Urlaubes durchkommen? Kurz bevor wir uns frustriert auf den Rückweg machen wollten und nur noch meine Mutter suchend über den Schotterplatz wandelte, hörte ich plötzlich ein: „Da isser.“ Was? Ein übler Scherz?

Nein. Mein Reisepass lag an exakt der Stelle im Schotter, an der mich der Freund und Helfer aus dem Wagen hat aussteigen lassen. Der Pass muss dabei wohl unbemerkt aus der Jacke gerutscht und zu Boden gefallen sein. Und lang dort über Stunden vor sich hin während Abendessen, Mette, Empfang und der bisherigen Suchaktion. Mitten in Bangkok. An einer belebten Kreuzung. Vor einer Polizeistation.

Ungläubige Blicke, unfassbare Erleichterung und tiefe Dankbarkeit erfassten uns. Was für ein Zufall. Oder: was für ein Weihnachtsgeschenk! Danke Bangkok, selten zuvor waren meine Weihnachtsgefühle intensiver als im Augenblick dieser, thailändischen Heiligen Nacht. Frohe Weihnachten auf thailändisch, sozusagen. Und die Reise konnte weitergehen.