Surin Thai Massage: Herzlich Willkommen & Sawadhee Kah!

„Eine Erfahrung zwischen Entspannung und Schmerz, bei der man sich hinterher immer besser fühlt als vorher.“
Herzlich Willkommen bei https://thainess.de/ und Surin Thai Massage Saarlouis-Fraulautern.

Liebe Besucherin, lieber Besucher der Website thainess.de,

ein herzliches Willkommen bei Surin Thai Massage Saarlouis-Fraulautern!

Eine Erfahrung zwischen Entspannung und Schmerz, bei der man sich hinterher immer besser fühlt als vorher.“

So charakterisiert einer meiner Stammkunden kurz, knapp und – wie ich finde – sehr treffend die Original Thai Massage.

Nach Kursen in Bangkok und Sisaket im Isaan habe ich mich dieser traditionellen Heilkunst aus meinem Heimatland, die inzwischen weltweit bekannt und geschätzt ist, verschrieben.

Fast fünf Jahre lang war ich Inhaberin der Sangkha Thai Massage in Berlin-Neukölln. Seit November 2018 lade ich in meine Surin Thai-Massage nach Saarlouis-Fraulautern ein.

In ruhiger und persönlicher Atmosphäre kümmere ich mich in meiner Massagepraxis gerne um Ihre Bedürfnisse – egal ob Marathoni im verschärften Training, Verspannungen durch Büroarbeit oder die berühmten „Zipperlein“, die uns alle mit zunehmenden Alter beschäftigen.

Bei mir gibt es keine 08/15-Fließband-Massage, sondern eine individuell auf Sie abgestimmte Behandlung. Ich plane meine Termine dabei immer so, dass ich ausreichend Zeit für Sie habe. Probieren Sie es aus. Anruf genügt. Terminvereinbarung erforderlich.

undefined

Auf meiner Website hier bei https://thainess.de/ informiere ich Sie regelmäßig über Wissenswertes zur Massage und Neuigkeiten von Surin Thai-Massage. Außerdem finden Sie Texte und Fotos meines Mannes über mein Heimatland Thailand, die auf unseren vielen, gemeinsamen Reisen seit 2006 entstanden sind und Ihnen einen tieferen Einblick in das Leben meiner Landsleute vermitteln können.

Ich freue mich über Ihr Interesse an meiner Website thainess.de und über einen Besuch bei mir in der Surin Thai Massage Saarlouis.

Khopphun kah & Sawadhee kah,

Ihre Sureerat Schweitzer

P.S.: Aufgrund der aktuellen Lage hat Surin Thai Massage Saarlouis-Fraulautern seit dem 14. März 2020 leider bis auf weiteres geschlossen. Wir freuen uns, zu einem späteren Zeitpunkt wieder für Sie da zu sein. Bis dahin: Bleiben Sie gesund. Und bleiben Sie zuhause.

Aktuelle Infos über Surin Thai Massage Saarlouis-Fraulautern finden Sie auch bei Facebook: https://www.facebook.com/thaimassagefraulautern/

Subjektiv durchs Objektiv: Meine Fotoblicke aufs „Land des Lächelns“

Thailand ist vielseitig. Thailand ist bunt. Thailand ist ein Foto-Mekka. Seit 2006 bereise ich dieses Land. Die Fotos hier halten meine Augenblicke im „Land des Lächelns“ fest: subjektiv durch Kamerabjektiv. Viel Spaß beim Betrachten.

von Stephan Schweitzer

Thailand ist vielseitig. Thailand ist bunt. Thailand ist ein Mekka für Fotografinnen und Fotografen.

Seit 2006 bereise ich dieses Land, mal nur für 144 Stunden, mal für drei Monate, meist irgendetwas dazwischen. Oft an der Seite meiner Frau und ihrer thailändischen Familie, manchmal alleine auf meinen Streifzügen durch Highlights, Untiefen und Normalitäten des thailändischen Lebens.

Die Fotos und Texte, die ich auf dieser Website meiner Frau veröffentlichen darf, halten diese meine Augenblicke im „Land des Lächelns“ fest. Nicht wohlbekannte touristische Perspektiven, sondern das, was mir im thailändischen Alltag vor das Kamera-Objektiv läuft, von mir gesucht oder gefunden und empfunden wird. Alles in allem also ein persönlicher, subjektiver Blick auf das Leben in den Städten und Dörfern, auf ein Land und seine Menschen voller Vielseitigkeit, voller Lächeln und voller Geheimnisse.

Mit meiner Kamera habe ich verschiedene Regionen Thailands besucht, aber längst noch nicht alle! Manchmal schnappe ich dabei auch ein paar Geschichten auf. Und mache mir meine Gedanken dazu. Nichts davon ist allgemeingültig. Keine Aussage erhebt den Anspruch auf die absolute Wahrheit. Die Fotos und Stories auf dieser Website sind schlicht meine persönliche Hommage an Thailand, die nicht zuletzt entstanden ist aus Dankbarkeit und aus Verbundenheit zu vielen freundlichen, hilfsbereiten und aufgeschlossenen Thailänderinnen und Thailändern, die ich kennen lernen durfte.

Und es soll vielleicht ein kleiner Beitrag dafür sein, dass wir „Farang“ – wie westliche Ausländer in Thailand oft bezeichnet werden – ein wenig mehr Verständnis für „Thainess“, also das thailändische Wesen, die thailändische Lebensart, das Denken und Handeln der Thais entwickeln. Denn: „Wir sind eine Welt: Alle Menschen sind gleich und jeder ist anders.“

Schließlich sind meine Texte und Fotos hier und auf meinem eigenen Blog http://www.saar-polygon.de zu anderen Themen und Reisen eine persönliche Herausforderung in Bezug auf das Schreiben und das Fotografieren.

Einen kleinen Einblick in meine fotografischen Streifzüge durch „mein“ Thailand zeigt eine meiner Youtube-Fotoshows hier, die ich zum einjährigen Bestehen meines ehemaligen Thailand-Blogs „scontour“ erstellt hatte:

Bangkok: Ein Reisepass zu Weihnachten

Weihnachten im buddhistischen Thailand? Gibt es. Wenn auch ganz anders als in heimatlichen Gefilden. Mir hat Siams Hauptstadt Bangkok zum frohen Fest sogar einmal einen Reisepass geschenkt.

Weihnachten im buddhistischen Thailand? Gibt es. Wenn auch ganz anders als in heimatlichen Gefilden. Mir hat Siams Hauptstadt Bangkok zum frohen Fest sogar einmal einen Reisepass geschenkt.

Mein Griff ging ins Leere. Routinemäßig, fast schon automatisch, überprüfe ich auf Reisen immer mal wieder den Verbleib wichtiger Utensilien in den diversen Taschen meiner üblichen Travellerjacke: Geld, Autoschlüssel, Reisepass. Ich vermeide es nach Möglichkeit, im touristischen oder städtischen Umfeld oder gar beim Autofahren in Thailand auf Pass oder den internationalen und nationalen Führerschein zu verzichten, gar mich nur mit Kopien dieser Dokumente zu begnügen. Lieber mache ich mir die Mühe und habe alle diese Sachen gleich im Original dabei, an jeweils einem festen Platz in meiner Jacke. Doch als meine Hand an jenem Heiligabend zu Beginn der Christmette in einer kleinen Bangkoker Kapelle an die für den Reisepass reservierte Stelle fasste, fand sie – nichts. Und das empfand ich wiederum – trotz aller harmonischer Weihnachtsgefühle um mich herum – durchaus beunruhigend. Sollte ich den Pass im Auto liegen gelassen haben? Wie unvorsichtig mitten in Bangkok. Selbst an Weihnachten! Oder gerade dann. Das sollte ich eigentlich wissen, der ich nicht zum ersten Mal Weihnachten im Warmen fernab der Heimat verbrachte.

Weihnachten unter Palmen bei 35 Grad am feinsandigen Meeresstrand“.

Nicht wenige Reiseveranstalter malen dieses Klischeebild für potenzielle Kunden von Pauschalreisen, die des heimischen Weihnachtsstresses und des üblichen Schmuddelwetters in dieser Jahreszeit überdrüssig sind. Und tatsächlich ist es ein besonderes Erlebnis, Weihnachten fern der europäischen Heimat in tropischen Gefilden zu verbringen. Mein erstes Weihnachten „far away“ erlebte ich im indischen Goa, allerdings wie immer ohne Pauschalbuchung, sondern selbst organisiert. Goa hat als ehemalige portugiesische Kolonie – der Kleinstaat wurde erst rund zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit Indiens ein Teil der subkontinentalen Nation – eine veritable katholische Vergangenheit, die mit rund dreißig Prozent katholischer Bevölkerung auch heutzutage noch alltagsrelevant ist. Insofern ist das Feiern von Weihnachten und die Verwendung der typischen Weihnachtssymbolik dort kein Produkt von Marketingstrategen, sondern historisch gewachsen.

Das verhält sich in Thailand anders. Siam ist natürlich traditionell ein buddhistisches Land – allerdings mit einer spürbaren und wahrnehmbaren Minderheit an Bewohnern muslimischen Glaubens. Die trifft man insbesondere im Süden des Landes, aber auch im Ballungsgebiet rund um und im Stadtzentrum von Bangkok. Und es handelt sich dabei nicht um Touristen oder Zugewanderte, sondern um originäre thailändische Staatsbürger, die sich – abgesehen von einer rebellischen Minderheit – als Teil der thailändischen Gesellschaft verstehen, egal ob als 7/11-Mitarbeiterin oder als Bankangestellte und unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit.

Weniger als 1 Prozent der rund 70 Millionen Bewohner Thailands sind katholischen Glaubens. Im Gegensatz zu anderen asiatischen Ländern – Vietnam oder die Philippinen zum Beispiel, die wie Goa eine Kolonialgeschichte haben und damit auch eine christliche Missionierungsphase hatten – war Thailand immer das nichtkolonialisierte „Land der Freien“ und somit auch niemals einem oft machtpolitisch und weniger auf Glaubensüberzeugungen beruhendem Missionierungsdruck ausgesetzt. Die wenigen Christen in Thailand sind sozusagen „Überzeugungsgläubige“ und so war der Papstbesuch vor wenigen Wochen für diese Thailänder eine ganz besondere Wertschätzung.

Im Gegensatz zu der „großen Minderheit“ der Muslime, wird man der „kleinen Minderheit“ der Christen im öffentlichen Bild Thailands kaum gewahr. Zwar begegnet man – bisweilen sogar überraschend in provinziellen Gebieten, aber natürlich vor allem in Bangkok – Kirchengebäuden oder christlicher Symbolik. Aber das ist eindeutig die Ausnahme statt der Regel.

„Geschenkefest“ abseits der Touristenroute:
Überraschender Weihnachtsbaum in der Amphoe von Sangkha/Surin Province, Isaan.

Die Symbole des westlichen Weihnachtsfestes haben aber ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu Religionen natürlich längst auch in Thailand Einzug gehalten. Ob Kirche oder Coca-Cola dazu den entscheidenden Beitrag geleistet haben, wäre sicherlich eine interessante Untersuchung wert. Jedenfalls vermute ich, dass der rote Weihnachtsmann in Thailand bekannter ist als das blonde Christkind. Viele Thais, bei denen Weihnachten derzeit trendet – so wie bei uns das lange Zeit unbekannte und unbedeutende Halloween – nennen es einfach das „Geschenkefest“ ohne jegliche Verlinkung zum eigentlich Inhalt und Anlass von Weihnachten, was sich aber zunehmend ja nicht mehr unterscheidet zu den Gesellschaften des sogenannten christlichen Abendlandes.

Dennoch ist es natürlich etwas Besonderes, Weihnachten in Thailand zu verbringen. Sonnenschein statt Schmuddelwetter. Wan Tan statt Weihnachtsgebäck. Angenehme Unaufgeregtheit statt Festtagsrummel.

Es gibt aber eben auch das christliche Weihnachten in Thailand, zumeist geprägt durch die Expat-Communities im ganzen Land, vor allem aber in den Touristen- und Rentnerhochburgen. So lassen sich im deutschen, christlichen Begegnungszentrum in der Partystadt Pattaya am Heiligabend vor Rührung weinende Veteranen der sextouristischen Soi6-Gasse antreffen, die dann doch im Weihnachtsgottesdienst einen Hauch der eigentlichen Botschaften und der eigenen heimatlichen Weihnachtserinnerungen erhascht.

Ein Hort katholischen Glaubens ist an Bangkoks Sathorn Road zu finden. Diese belebte Magistrale beherbergt in Central Bangkok nicht nur eine Unzahl internationaler Firmensitze und neben der deutschen und der österreichischen viele weitere Botschaften der Länder dieser Erde, sondern auch das weitläufige Gelände des katholischen St. Louis Hospital.  Auf diesem Gelände befindet sich neben dem großen Krankenhaus auch die apostolische Nuntiatur – also die Botschaft des Vatikans. Dort treffen sich zur Christmette in später Stunde die thaisprachigen Katholiken im großen Gotteshaus und die kleine deutschsprachige, katholische Community in eben jener Kapelle, in der ich mich nach dem Pass tastend an diesem Heiligabend befand.

In Deutschland gehört für mich noch immer der Besuch in der Kirche zu Weihnachten. Nicht nur wegen der Kinder oder meiner tiefgläubigen Mutter.  Auf Reisen muss es nicht unbedingt sein und ich verbrachte durchaus schon Heiligabende im Strandrestaurant von Bang Sare oder anderen Orten ohne Kirchgang. In Goa trieb mich einst die Neugier in den Gottesdienst an Heiligabend. Aber eine besondere „indische“ Inszenierung erlebte ich nicht – das Ritual lief wie zuhause ab. Keine besondere indisch-spirituelle Erweiterung. Es war halt nur wärmer und die Festtagskleidung bunter.  Die Bangkoker Kapelle suchte ich am Heiligabend – trotz geschäftiger Verkehrslage – insbesondere wegen meiner Mutter auf, die mich und meine Frau damals erstmals auf einem Thailandtrip begleitete.

Eigentlich ist es eine Absurdität, sich in Bangkok freiwillig mit einem Auto fortzubewegen. Ich gebe es zu: ab und an komme ich jedoch nicht drumherum – sei es selbstfahrend oder mit dem Taxi. Auch bei meinem Erlebnis mit dem Reisepass war ich per Auto unterwegs, da wir uns von Samut Prakhan aus nach Downtown BKK aufmachen mussten.

Selbstverständlich wurden wir bei unserem kurzen Trip zum weihnachtlichen Dinner und zur Christmette Bestandteil des üblichen Bangkoker Verkehrschaos. Und ich vermute, das war – im Gegensatz zu deutschen Innenstädten – keineswegs nur dem Weihnachtsfest geschuldet. In Bangkok herrscht eigentlich immer Rush-Hour und so tankten wir uns mehr schlecht als recht durch den Verkehr nach Sonnenuntergang. Schon in die Sathorn Road eingebogen, ereilte mich dann ein Schicksal, das ich mir nicht nur mit tausenden Bangkokern täglich teile, sondern das gelegentlich Systembestandteil für ein einigermaßen zügiges Vorankommen im Stadtverkehr von Krung Thep ist: Ich landete auf einer überraschenden Linksabbiegespur an einer Stelle, wo ich eigentlich geradeaus fahren wollte. Mit elegantem Schwung platzierte ich unmittelbar vor einer Ampelanlage den Wagen doch noch wieder in die richtige Spur. Allerdings hatte ich diese Manöverrechnung ohne den Uniformierten gemacht, der in einem eigens von der Verkehrspolizei eingerichteten „Aquarium“ mit breiter Fensterfront über die Ordnung an der Verkehrskreuzung wachte. Und da sich mein „Move“ nun einmal direkt vor den Augen des Ordnungshüters abspielte, war er dankbar für die Gelegenheit, kurz vor dem mutmaßlichen Heimattrip anlässlich des Jahreswechsels, seinen Teegeld-Etat ein wenig ausbauen: strenger Blick, Mütze zurechtgerückt, das „Aquarium“ verlassen und die Kelle raus: bitte links ranfahren. So lernte ich das Aquarium von innen kennen und wurde – nachdem ich meine kleine Führerscheinsammlung vorzeigen durfte – Zeuge einer längeren Preisverhandlung zwischen meiner thailändischen Frau und dem Diensthabenden, der allein die Amtsstube personalisierte. Schnell wurde mir klar, dass für die Bestrafung dieses nachhaltigen Vergehens des Spurwechsels unmittelbar vor der Ampelanlage kein in einem Bußgeldkatalog vorgeschriebener Betrag fällig wurde, sondern eine frei auszuhandelnde Summe. That´s Thailand. Meiner Frau – die sich als solche nicht zu erkennen gab, sondern als „Reisebetreuerin“ des älteren Ehepaares, also meiner Mutter und mir, fungierte, handelte schließlich für die unbedarften und ahnungslosen Farang einen satten Rabatt heraus. Und so konnten wir – um etwa 500 Baht ärmer – unsere Fahrt fortsetzen. Es war übrigens für mich das einzige Mal, dass ich persönlich in Thailand Zeuge und Betroffener einer solchen Bußgeldforderung und Verhandlung wurde, obwohl ich in den letzten anderthalb Jahrzehnten schon viele, viele tausend Kilometer selbstfahrend im Land des Lächelns unterwegs war und dabei immer mal wieder von Polizisten angehalten und überprüft wurde.

Den Pass musste übrigens ich bei der Verkehrskontrolle nicht vorzeigen. Insofern konnte ich mich – während die anderen in der Kapelle der Geschichte vom Stall, den Hirten und dem Stern mit diesem typischem Weihnachtsglanz in den Augen folgten – beim Zermartern meines Gehirnes nach dem Verbleib des Dokumentes nicht mehr daran erinnern, wann ich zum letzten Mal bewusst meinen Pass in der Jackentasche gespürt hatte. Nur über eines war ich mir sicher: Ich hatte ihn garantiert eingesteckt und nicht in meiner Bleibe in der Vorstadt liegen lassen. Da ich niemandem der Faszination des Weihnachtsgottesdienstes und seiner besonderen Gefühle berauben wollte, hielt ich unruhig bis zum Ende durch und gestand meinen Begleiterinnen erst während des Empfangs, zu dem der Nuntius deutschsprachige und thailändische Gäste der Gottesdienste eingeladen hatte, den bemerkten Verlust. Im dunklen Schatten des Parkhauses der Klinik ertasteten wir wenige Minuten später den kompletten Innenraum des Wagens auf der Suche nach dem Dokument – erfolglos.

Wo war das Ding?

Vor dem Gottesdienst hatte ich zum Weihnachtsdinner in das Restaurant „Blue Elephant“ ganz in der Nähe eingeladen. Heute am Festtag sollte es mal nicht Plastikgeschirr oder Garküchenstand sein, sondern thailändisch-asiatische Fusionsküche in gehobenem Ambiente. Der Laden ist durchaus empfehlenswert, wenn es einmal etwas Besonderes sein darf. Nicht so signifikant wie ein Tee auf der herrlichen Flussterrasse des Oriental Hotel, aber trotzdem durchaus ein Highlight der gehobenen Art in der Bangkoker Gastronomie-Landschaft.

Auf der Suche nach dem Pass kehrten wir nun dorthin zurück, blieben aber erfolglos. Nein, einen Reisepass habe man nicht gefunden, versicherte das Personal kurz vor Feierabend. Auch das Inspizieren unseres vorherigen Tisches brachte kein positives Ergebnis.

Sollte ich ihn etwa doch bei der Polizeikontrolle verloren haben? Wir kehrten – inzwischen weit nach Mitternacht – dorthin zurück, in der Hoffnung unseren vorherigen diensthabenden Verhandlungspartner anzutreffen. Indes: das Aquarium war inzwischen schon „wegen Reichtum geschlossen“. Ich versuchte, einen Blick ins Innere zu werfen, ob ich dort auf dem Schreibtisch vielleicht meinen sichergestellten Pass zu Augen bekam. Nichts.

Ziemlich frustriert und mit gänzlich unweihnachtlichen Gefühlen zog ich mich verzweifelt in die dunkelste Ecke des geschotterten Aquarium-Vorplatz zurück. So ein Mist. Morgen wollten wir in den Isaan und nach Silvester ganz runter über Hua Hin und Bang Saphan bis Khao Lak und Phuket. Konnte ich ohne Pass diese ganzen Trips canceln und stattdessen hier im Moloch Bangkok auf die Wiedereröffnung der deutschen Botschaft nach den Weihnachtsfeiertagen warten? Wie konnte mir sowas dummes passieren? Lag das Ding vielleicht wenigstens doch noch in Samut Prakhan? Würde ich mit einer Passkopie den Rest des Urlaubes durchkommen? Kurz bevor wir uns frustriert auf den Rückweg machen wollten und nur noch meine Mutter suchend über den Schotterplatz wandelte, hörte ich plötzlich ein: „Da isser.“ Was? Ein übler Scherz?

Nein. Mein Reisepass lag an exakt der Stelle im Schotter, an der mich der Freund und Helfer aus dem Wagen hat aussteigen lassen. Der Pass muss dabei wohl unbemerkt aus der Jacke gerutscht und zu Boden gefallen sein. Und lang dort über Stunden vor sich hin während Abendessen, Mette, Empfang und der bisherigen Suchaktion. Mitten in Bangkok. An einer belebten Kreuzung. Vor einer Polizeistation.

Ungläubige Blicke, unfassbare Erleichterung und tiefe Dankbarkeit erfassten uns. Was für ein Zufall. Oder: was für ein Weihnachtsgeschenk! Danke Bangkok, selten zuvor waren meine Weihnachtsgefühle intensiver als im Augenblick dieser, thailändischen Heiligen Nacht. Frohe Weihnachten auf thailändisch, sozusagen. Und die Reise konnte weitergehen.

Chinesen in Thailand: Mehr als Minderheit

Die Chinesen sind da! Und das nicht erst seit gestern, sondern seit einigen hundert Jahren in Thailand.

So etwa sieht es bei Chinas Militärparaden auch aus: Kohorte um Kohorte zieht lärmend unter wehenden Fahnen durch Pattayas Walking Street und über den Balihai Pier. Allerdings sind die Fahnen nicht nur rot, sondern bunt und nicht in den Händen von Soldaten, sondern von Reiseführern. Und die „Waffen“ sind nur Baht und Kamera. Die Chinesen sind da! Und das nicht erst seit gestern, sondern seit einigen hundert Jahren in Thailand.

Chinesen und Thais verbindet eine viel längere Geschichte als die vergangenen Jahre, in denen die Chinesen zur wichtigsten und größten Touristengruppe in Thailand geworden sind. Die heutigen Erkenntnisse der Frühgeschichte lassen vermuten, dass die thailändischen Ebenen einst von Völkerwanderern aus dem Gebiet des heutigen südlichen China besiedelt wurden. Die wechselvolle thailändische Geschichte, dieser ewige Kreislauf von Grenzveränderungen, gegenseitigen Eroberungen und Bevölkerungsmigrationen mit den Nachbar-Ethnien aller Himmelsrichtungen rund um „Siam“ hat im Laufe der Jahrhunderte jedoch längst eine eigenständige thailändische Identität entstehen lassen. Dennoch ist heute das Chinesische eine starke und wahrnehmbare Minderheitenkultur in Thailand. Das liegt allerdings nicht an den Wanderungsbewegungen vor Jahrtausenden, sondern an der stetigen Migration von Chinesen in den letzten Jahrhunderten. Und diese chinesische Migration nach Thailand ist geradezu ein Abbild chinesischer Geschichte der Neuzeit bis heute.

Kamen Chinesen bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts noch als gesandte Handelspartner eines starken Kaiserreiches nach Thailand, so waren die nachfolgenden Migranten über mehr als ein Jahrhundert lang eher Flüchtlinge vor dem chinesischen „Luan“ – dem Chaos in ihrem Reich, wie die Chinesen die Zeit des kriegerischen Imperialismus des Westens und der Japaner auf ihrem Boden, der Schwäche des eigenen Systems zum Ende des Kaiserreiches, aber auch der blutigen Bürgerkriege und der zerstörerische „Kulturrevolution“ bezeichnen. In diesen Zeiten von Hungersnöten und Gewalt, von stetig wechselnder staatlicher Ordnung, von fehlenden Verlässlichkeiten und mangelnden Zukunftsperspektiven, fand ein millionenstarker Exodus von Chinesen statt – in alle möglichen Länder rund um die Welt. Und von San Francisco bis Bangkok entstanden die noch heute existierenden China-Towns, also Stadtviertel oder Ghettos, in denen die Chinesen ein Stück Heimat, aber vor allem die Kraft und den Rückhalt fanden, sich und ihren Familien gemeinsam mit ihren Landsleuten etwas Neues fern vom Reich der Mitte aufzubauen.Die chinesischen Migranten in Thailand beschränkten sich jedoch keineswegs auf ihren Mikrokosmos Chinatown, sondern begannen überall dort, wo es sich für sie lohnte, mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten. Während in den USA hunderttausende ihrer Landsleute als Arbeiter beim Bau der transkontinentalen Eisenbahnen ihr hartes Brot verdienten und oft mit dem Leben bezahlten, stellten sich viele der „thailändischen“ Chinesen perfekt auf ihr agrarisch orientiertes Gastland ein und stießen in die ökonomische Lücke, die die Thais ihnen ließen: Handel, Warentausch, Transport.

Chinesischer Tempel in Chon Buri: Jahrhundertelange Assimilation.

Vorbehalte, Ressentiments und Widerstand gegen die Chinesischstämmigen in Thailand gab es dennoch immer wieder in der neueren Geschichte. So wurden sie – wie starke und wirschaftlich erfolgreiche Minderheiten in anderen Gesellschaften anderswo auch – gelegentlich in politischen oder ökonomischen Krisen Thailands zu Sündenböcken erklärt oder zur Zielscheibe von nationalistischer oder rassistischer Propaganda. Trotzdem erarbeiteten sich die ethnischen Chinesen über mehr als zwei Jahrhunderte in Thailand eine Stellung im Wirtschaftsleben, die heute von Ökonomen wohl als „systemrelevant“ bezeichnet werden würde.

Sie assimilierten sich dabei so viel wie nötig: erlernten die Sprache, respektierten Kultur, Staatswesen, Traditionen und Gepflogenheiten der Thais, heirateten auch ethnische Thais und nahmen schließlich auch deren Staatsbürgerschaft an.

Sie blieben aber den chinesischen Traditionen, dem Glauben und der Kultur so verbunden wie möglich: niemals gaben sie ihre Muttersprache auf, altchinesischen Gaumenfreuden geben sie bis heute Vorrang vor der viel zu scharfen Thai-Küche, sie bauten und pflegen ihre eigenen Tempelanlagen und Begräbnisstätten. Und die Thais ließen das auch zu. Noch heute zeugt davon der für mich sehr beeindruckende, riesige chinesische Friedhof in Chon Buri – einst gebaut vor den Toren dieser Industriestadt, heute aufgrund der Stadtentwicklung mitten drin.

Chinesischer Friedhof in Chon Buri: Gräber bis zum Horizont mitten in der Stadt.

Der gegenseitige Respekt und die Überzeugung, dass letztendlich alle von der friedlichen Koexistenz und der Zusammenarbeit profitieren, hat sich heutzutage durchgesetzt und sorgt für die starke Stellung der ethnischen Chinesen in der thailändischen Gesellschaft. Und diese Stellung wird derzeit noch wichtiger. Denn in China ist nicht nur die Kulturrevolution längst Geschichte, sondern China ist auf ökonomischem Weltniveau angekommen. Vorbei die Zeiten, in denen dort nur kopiert und billig produziert wurde. China ist ein dynamischer Innovationsstandort und längst nicht mehr nur als verlängerte Werkbank an internationalen Wertschöpfungsketten beteiligt. Seit den Wirtschaftsreformen von Deng Xiaoping hat sich China extrem entwickelt. China „is thinking big“. Und tut es auch. Mit klarer Strategie in Peking und vielen daran ausgerichteter Projekte in den Regionen hat sich China in Rekordzeit gewandelt. Ausgestattet mit Eigenkapital bei Staat und Unternehmen. Mit dem unbedingten Willen zum Erfolg, aber auch mit einem brutalen Erfolgsdruck von oben nach unten. Projekte werden in Rekordzeit vorangetrieben, Flops in Kauf genommen. China litt lange unter seiner Größe, was auch ursächlich für die Migrationswellen war. Innerhalb einer Dekade hat es seine Größe ökonomisch zu einer Stärke gedreht. Längst ist ein gutverdienender Mittelstand entstanden: das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft und der anhaltend hohen Binnenkonjunktur, die übrigens auch für deutsche Exporterfolge sorgt. Auf dieser Basis steigt China mit dynamischer Innovationsförderung und der unvergleichbaren Internationalisierungsoffensive seiner „Belt- und Roadpolitik“ endgültig zu dem Global Player neben den USA und der EU auf.

Und das hat auch in mindestens dreifacher Hinsicht Auswirkungen auf Thailand:

Zum einen hat die thailändische Regierung den früheren roten Angstgegner China als Partner entdeckt, um Defizite bei Infrastruktur und Innovation wettzumachen und um politisch unabhängiger von den – so empfinden es nicht wenige Thais aus dem Machtapparat – ewig an Thailand rumnörgelnden westlichen Demokratie zu werden.

Zum zweiten investieren in China reich gewordene Chinesen – auch und insbesondere derzeit die aus Hongkong – ihr Geld gerne im Ausland. In Thailand fühlen sie sich besonders willkommen und verstanden. Denn hier treffen sie mit ihren ethnischen Verwandten auf Geschäftspartner, die nicht nur wirtschaftlich vor Ort eine Macht sind, sondern auch noch ihre Sprache sprechen und denen ihre Kultur nicht fremd ist. Dienstleister und staatliche Stellen, die mit dem Matchmaking zwischen Thais und Chinesen ihr Geld verdienen, kommen derzeit gar nicht nach mit Aufträgen. An Bangkoks Sukhumvit etwa befinden sich manche Bürogebäude, in denen quasi den ganzen Tag nichts mehr anderes gemacht wird, als Deals zwischen Chinesen und Thai-Chinesen zu verhandeln. Vertreter beide Gruppen geben sich dort zurzeit quasi ständig die Klinke in die Hand. Und auch die steigenden Immobilienpreise in Bangkok und der nicht abreißende Bauboom dort – aber auch auf Phuket und in der Region Pattaya – haben damit zu tun. Chinesen kaufen Condos in Thailand wie andere Souvenirs. Nicht unbedingt, um darin zu wohnen oder damit eine direkte Rendite zu erzielen, sondern um einfach erstmal Geld anzulegen. Apropos Geld: manche Chinesen bringen auch einfach nur Bares nach Thailand, ohne damit zu wirtschaften. Das dürfte übrigens eine Ursache für die anhaltende Baht-Hausse sein, unter der Urlauber, aber vor allem thailändische Exporteure von Reis und Industriegütern zurzeit so sehr leiden.

Und zum dritten – und damit kehren wir dann wieder an Pattayas Bali Hai Pier zurück – hat die chinesische Mittelschicht genug Geld und Interesse, um Urlaub außerhalb Chinas zu machen. Thailand – mit zwei bis vier Flugstunden quasi vor der chinesischen Haustür – war eines der ersten Länder, dass der Mittelstand als Destination entdeckt hat. Und ist weiterhin begehrtes Reiseziel.

Eine Seefahrt, die ist… gelegentlich anstrengender als man denkt. Chinesen am Pattaya Beach nach einem Insel-Trip.

Nicht alle, aber die meisten Chinesen buchen ihren Thailand-Urlaub als Gruppenreise. Das verstärkt bisweilen an bestimmten thailändischen Destinationen – eben etwa am Bali Hai Pier oder in der Walking Street – den Eindruck, sie hätten das Land fest in ihrer Hand. Zumindest manchmal scheint es aufgrund der Großgruppenauftritte so, als seien sogar mehr Chinesen als Thais vor Ort. Was mir dabei immer wieder auffällt: Die Chinesen bleiben meist in ihren Gruppen – stets darum bemüht, ihrem Fähnlein-Träger zu folgen und rechtzeitig zum nächsten Hotspot zu kommen. Als ich mir die Zeit nahm, das Spektakel einmal genauer zu beobachten, absolvierte gerade eine Gruppe die Strecke an den Bali Hai-Pontons zu den farbenfroh erleuchteten Ausflugsbooten am Ende des Piers sogar im mehr oder weniger fröhlichen Laufschritt. Offenbar hatte das pattayanische Verkehrschaos ihren Reisezeitplan durcheinandergefegt und sie hatten Mühe, den gebuchten Ausflugsdampfer pünktlich zu erreichen. Trotz ihres massenhaften Auftritts verbunden mit der raumgreifenden Ausbreitung – besonders im fußgängerischen Gegenverkehr – und der typisch chinesischen Geräuschkulisse wirken die Chinesen jedoch keineswegs martialisch. Ich finde es eher amüsant, die Gruppen zu beobachten. Ich ziehe mich ans Geländer des Pier zurück, rauche eine Zigarette und lasse sie an mir vorbeihetzen: vorneweg die jungen, aufstrebenden Streber-Touris, immer eng am Fahnenträger und darauf bedacht, alles, aber auch wirklich alles an Eindrücken und Infos mitzunehmen, um so das Optimum aus ihrem Thailand-Urlaub herauszuholen. Dann im Mittelfeld und etwas souveräner: Herr Wang und Frau aus der mittleren Oberschicht nebst der etwas beleibten unverheirateten Tochter, deren Mitgift jetzt halt beim Reisen verkonsumiert wird. Direkt neben ihnen die allzeit schnatternde Frauengruppe vom Mobilphone-Headquater in ihrer für westliche Augen außerordentlich geschmacklosen Freizeitkluft mit Blumenmuster, vermutlich Adler-Moden Factory-Outlet. Ganz am Ende der Gruppe und ihrer Kräfte: ein paar Ältere in Trainingsjacken, schwitzend, schnaufend, immer ein Schweißtuch griffbereit und teilweise oben nur noch mit Unterhemd bekleidet. Und noch hinter ihnen: die Sony-Supercam-Besitzer im „I-love-Thailand“-T-Shirt, die einfach nicht genug knipsen oder filmen können und daher stetig hinterherhinken auf der Suche nach der noch besseren Einstellung und dem richtigen Knöpfchen dafür an ihrer Cam.

Ich gestehe, es hat mich in gewisser Weise fasziniert, diese chinesischen Reisegruppen zu beobachten: „Meiers Weltreisen auf asiatisch“ sozusagen. Ich finde sie wahrlich nicht bedrohlich und es wundert mich auch nicht, in Asien auf asiatische Touristen zu treffen. Mir taten sie eher leid, wie sie da so durchgehetzt wurden und sich selbst hetzten. Nicht wenige sah ich übrigens weit vor Mitternacht schon wieder in ihren Fernreisebussen sitzen. Programm ist Programm. Egal, was abends in Pattaya noch los ist.

China Town Gate Bangkok

Auf einem meiner Flüge von China nach Bangkok – als ich die inneren Abläufe einer chinesischen Reisegruppe rund um mich herumsitzend noch etwas genauer studieren konnte – wurde mir allerdings klar, warum die meisten Chinesen so reisen. Und in Shanghai und Shenzhen – zum Beispiel -offerieren sich die offenkundigen Unterschiede einer chinesischen Stadt zu Bangkoks Chinatown und dem Rest von Thailand.

China ist – sagen wir mal – zumindest in den meisten Städten ein sehr aufgeräumtes und übersichtliches Land. Mit klaren und gelernten öffentlichen Verhaltensregeln und bekannten Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten. Die Städte haben ihre kleinen, bunten Nischen, aber die sind eher keine Anlaufstellen für den neuen Mittelstand. Das Leben spielt sich in festen und gelernten Bahnen ab, die Halt und Sicherheit und Orientierung geben. Neue, unbekannte Situationen – zum Beispiel in einem Flieger oder noch mehr beim Gang über Pattayas Walkingstreet, Phukets Bangla oder Bangkoks Sukhumvit sind für Chinesen angesichts all der Buntheit, Vielfältigkeit und Unübersichtlichkeit, die Thailands Streetlife sich auch in den Jahren der Militärdiktatur bewahren konnte, eine echte Herausforderung.

Das geht nicht nur Chinesen so. Ich muss zugeben, dass ich mich bei meinem ersten Bangkok-Aufenthalt ebenfalls durch die überbordenden Eindrücke herausgefordert fühlte, auch wenn ich zuvor bereits in Städten wie Berlin lebte oder Städte wie Mumbai besuchte und ich daher gegenüber den Chinesen doch einen gewissen „Vielfältigkeitsvorsprung“ reklamieren würde.

Für Chinesen ist Thailand daher aus ihrem Blickwinkel nicht weniger exotisch und herausfordernd wie für manchen europäischen Ersturlauber. Und Chinesen – zuhause, bei der Arbeit und in der Freizeit ehedem stark als Teil einer Gruppe statt als Individuum sozialisiert – hilft es, die Herausforderung zusammen mit anderen zu meistern. So wie ihre Vorfahren in den China Towns. Deshalb ist es nicht unüblich, dass Chinesen auch im Urlaub gerne auf eine chinesisch geprägte Infrastruktur vom Reiseführer über die Unterkunft bis hin zum Essen zurückgreifen. Aber das tun viele Angehörigen anderer Nationen in den thailändischen Touristenhochburgen ja genauso. Sonst gäbe es ja nicht die vielen kleinen Nischen von „Klein Heidelberg“ und „Hotel König“ über „Bart´s Navy Bar“ bis „Madras Darbar Restaurant“ und dem „The Nashaa Club“ oder wie die jeweiligen nationalen Hotspots in den Touristenzentren auch immer heißen.

Shop für chinesische Medizin in Bangkoks China Town.

Sollten sich Chinesen übrigens mit der Erwartung eines Stücks heimatlicher Orientierung während ihres Thailand-Trips besonders auf den Abend in China Town freuen, werden sie vermutlich bitter enttäuscht sein. Zwar gibt es dort chinesische Tempel, chinesische Shops, chinesische Medizin und Mediziner und natürlich chinesische Restaurants, aber die Szenerie ist doch durch und durch thailändisch. Schön bunt. Schön laut. Schön chaotisch, farbenprächtig, stinkend und voller typischer, öffentlicher thailändischer Lebensfreude – gepaart mit Scharen von Touristen aus aller Welt, nicht nur aus China. Ehrlich gesagt, kommt mir Bangkok nirgendwo so thailändisch vor wie in Chinatown. Und Chinatown unterscheidet sich insofern wahrlich sehr von chinesischen Städten.

Die Chinesen sind also während ihres Thailand-Urlaubes definitiv stärker verunsichert und herausgefordert als andere Besucher. Vielleicht beruhigt das ja sogar den ein oder anderen europäischen Urlauber, der sich durch die anhaltend hohen chinesischen Buchungszahlen seinerseits verunsichert fühlt. Und: wenn man die Gelegenheit hat, mit Chinesen persönlich – zumeist mit Blicken, Händen und Füssen – zu kommunizieren, wird man feststellen, dass es sich in der Regel um ganz reizende, zurückhaltende und nette Menschen handelt. Nur Mut!

In China Town: Schön bunt. Schön laut. Schön thailändisch.

„Warum China kein Schnupfen ist. Oder: Stabilität und Innovation – das Yin und Yang des modernen China“

Mehr über China gibt es von mir auch in diesem Wirtschaftsreisebericht: https://sidesteps.home.blog/2019/12/01/von-anderswo-warum-china-kein-schnupfen-ist/

144 Stunden Thailand: Stopover-Impressionen

Nach „Amazing Thailand“ können viele nicht lange genug reisen. Und manche „Farang“ bleiben sogar für immer. Oder zumindest über Winter. Und wenn schon Fernreise, dann doch wenigstens drei Wochen. Für mich ergab sich in diesem Herbst jedoch lediglich die Gelegenheit für einen Stop-over auf dem Weg zwischen „Far East“ und „Old Europe“. Aber auf den konnte und wollte ich nicht verzichten. Auch um für meinen Blog ein paar aktuelle Impressionen aus diesen Stunden zu erhaschen.

Thailand im Schnelldurchlauf ist weder für den Erstbesucher noch den Thailand-Fan wirklich zu empfehlen. Jemand hat einmal geschrieben, dass beim Reisen nicht nur der Körper, sondern auch die Seele ankommen muss. Und die braucht nach meiner Erfahrung immer ein bisschen länger als eine Langstrecken-Flugdistanz. Gerade wenn die Destination „Thailand“ heißt.

Nicht nur an Klima und Sonne, sondern auch an Lebensrhythmus und Essen, Verkehr und Verhalten, Lächeln und Loslassen muss ich mich immer wieder einen Moment lang gewöhnen. Und lasse mich dann gerne davon gefangen nehmen, tauche ein in das Thailand, das mir begegnet.

Diesmal blieb mir die Zeit für diese Phase des Ankommens nicht. Kaum in Suvarnahbhum gelandet, warf ich mich in Bangkoks Gewusel, fuhr mit dem Morgenzug hinaus ins Eastern Seaboard, tauchte kurz ein in die Untiefen Pattayas, erlebte ein Stück „echtes Thailand“ in der Industriestadt Chon Buri und konnte auf ein kleines Strand-Hopping in der Gegend um Bang Sare nicht verzichten, bevor mich der Asian Highway No. 7 schon wieder zurück zum Airport brachte.

In diesen wenigen Stunden oder Tagen bleibt ein solches Reiseerlebnis natürlich nur eine Instant-Mischung und insbesondere dem Thailand-Neuling ist keinesfalls zu empfehlen, meinem Beispiel zu folgen und Thailand lediglich stop-over zu besuchen. Wer zumindest einen Hauch dieses Landes, seiner Menschen, seines Lebens erahnen will, braucht länger. Man muss schon ins Schwitzen kommen, um Thailand wirklich kennenzulernen.

Mit dem morgendlichen Bummelzug von Bangkok ins Eastern Seaboard

Trotzdem hat mir mein Kurztrip gutgetan. Ein letztes Mal Sonne und Wärme tanken vor dem europäischen Winter. Original Thai-Food genießen mit all den frischen Zutaten, die dieses unverwechselbare Geschmackserlebnis erst wirklich ausmachen. Mich mit Menschen treffen, die neugierig, freundlich und offen sind. Und auch noch einmal zu lernen, welche Orte in Thailand mir guttun und welche nicht.

Ein paar Geschichten habe ich mitgebracht, die ich hier im Blog während der kalten europäischen Wintermonate über Thailand und meine Begebenheiten dort erzählen werde und die – trotz Baht-Hausse, Visa-Fragen, politischen Debatten um Korruption oder Meinungsfreiheit sowie rückläufigem touristischem Interesse aus Europa – vielleicht doch Lust machen auf die Seiten Thailands, die so viele Menschen nach wie vor faszinieren und die sich für mich in den über 13 Jahren, in denen ich Thailand bereise, nicht negativ verändert haben.

Aber in diesem Blog-Beitrag lasse ich erst einmal meine Bilder erzählen: vom teilweise geradezu ekstatischen Tempelfest mit freiem Frühstück für alle gespendet von den örtlichen Gewerbetreibenden in einem von Chon Buris Vororten oder von den Dancing Kids, die sich jeden Samstag und Sonntag im Amulet Center Chon Buri zum gemeinsamen Training treffen – selbstbestimmt, sich gegenseitig unterstützend und voneinander lernend.

Denn letztlich gilt nach meiner Erfahrung in Thailand die gleiche Regel wie in jedem anderen Land der Welt, das ich bisher besuchte: So wie ich als Gast den Menschen eines Landes begegne, so werden sich diese in aller Regel auch mir gegenüber verhalten. Meine Reiseerlebnisse hängen viel mehr von mir und meinen Einstellungen ab als von anderen oder von Umständen.

Und: ich bin auf Reisen weitgehend frei darin, zu welchen Menschen meines Gastlandes ich Kontakt suche. Und zu welchen nicht. Das sind die Freiheiten des Reisens: die Freiheit, anzukommen. Die Freiheit, sich einzulassen auf Menschen, Situationen und Länder. Und die Freiheit, weiterzuziehen: zu anderen Menschen, Erlebnissen, Orten, Ländern. Das macht den Wert des Reisens aus. In Thailand und anderswo. Ob kurz oder lang.

Sawadhee khap and see you next time, Siam!

P.S.: Zu den Dancing Kids von Chon Buri gibt es übrigens noch ein Video auf meinem Youtube-Kanal:

In der Grotte: Buddha, Tempel und Dämonen

Im Halbdunkel der Grotte erwischte sie mich. Unverhofft, intensiv: Eine Ahnung von Ewigkeit. Eine Intuition von Erleuchtung. Thailand – das schrille, bunte, laute Land – war plötzlich weit weg, obwohl es doch nur draußen vor dem unscheinbaren Eingang zu dieser Stätte im Isaan lag, an der ich ein wenig Einsicht in die Weisheit des Buddhismus und in die Kraft seiner Botschaft erlangte.  

Die Thailänder sind im Allgemeinen ein fröhliches Völkchen. Sie kommunizieren gerne. Ihre Musik beim Volksfest oder ihre Fernsehgeräte auf der Terrasse zu Hause können nicht laut genug sein. Gemeinsame Tafelrunden sind ein großes, sympathisches, lebendiges Palaver und die gemieteten Beschallungen samt DJs bei Festen – egal ob Hochzeiten oder Beerdigungen – reichen leicht für ein ganzes Isaan-Dorf und nicht nur für die eigentlichen Party-Gäste. Und das auch gerne über mehrere Tage.

Auch Thailands Tempelanlagen wirken oft wie ein bunter Jahrmarkt und nicht wie Orte des Glaubens oder der Besinnung. Der Buddhismus ist in Thailand ein echter Volksglaube und wird auch so gelebt und praktiziert. Spätestens beim Besuch eines Tempels wird das jedem gegenwärtig. Selbst zu Hauptbesuchszeiten geht es im Kölner Dom dagegen geradezu kontemplativ zu. Eine bunte Mischung aus traditionellen Anbetungsstellen, skurrilen Comicfiguren, martialischen Darstellungen von Fegefeuerszenarien oder großen, naiv wirkenden Tierskulpturen gepaart mit Besprechungsecken für Mönchsberatung, in Rauchschwaden der Räucherstäbchen gehüllte Verehrungsstätten, Verkaufsstände und ausnehmende Sitzgruppen beherrschen nicht wenige der weitläufigen Anlagen, die beliebte Ausflugsziele der Thais an Wochenenden oder freien Tagen sind und in denen sie eben jenen Volksglauben ausleben.

Wer die berühmten Tempelanlagen in Thailands Hauptstadt Bangkok – insbesondere Wat Phra Kaeo, Wat Arun und Wat Pho – oder die historischen Khmer-Tempel im Isaan besucht, der hat zwar einen Einblick in das kulturelle Erbe Thailands bekommen und Thailands zentrale, identitätsstiftende Symbolorte kennengelernt, aber nicht die Orte des lebhaft praktizierten Glaubens an Übersinnliches und Geisterwelten, an mönchische Heilkräfte und Wahrsagerei. Die finden sich eher in den vielen übers ganze Land verstreuten großen und kleinen Tempelanlagen, die vielleicht kulturhistorisch nicht immer von hoher Bedeutung sind, dafür aber für die Thais einen Hort ihrer Alltagskultur darstellen.

Auch in einer Zeit täglich wachsender wissenschaftlicher Erkenntnisse und forschender Entschlüsselung von früher unerklärlichen Phänomen sind die Thais quer durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten noch immer der festen Überzeugung, dass jenseits des Sichtbaren eine Dimension existiert, in der andere Gesetzlichkeiten herrschen, die aber mit ihrem irdischen Leben fest verbunden ist und darauf Einfluss nimmt. Und diese Dimension in all ihren Ausprägungen – Ahnenkult, Dämonenwelten, Animismus und der Kreislauf des Karma – muss bedient und berücksichtigt werden: durch regelmäßige Besuche im Tempel, durch Spenden und Opfergaben, durch die Befragung von Seherinnen und Sehern, Kartenlegern oder Sterndeutern bei wichtigen Lebensentscheidungen, durch Ritualhandlungen bei Veränderungen – ob Autokauf oder Hochzeit –  und durch das Respektieren der Älteren in Dorf und Familie sowie die Einbeziehung des Dorf-, Innungs- oder Sippenschamanen in kleine und große Ereignisse des Lebens.

Diese symbolreiche Welt des Übersinnlichen ist im thailändischen Alltag allgegenwärtig, nimmt Einfluss auf Entscheidungen im privaten wie im geschäftlichen Leben, auf persönliches Verhalten der Thais, auf medizinische Behandlungen oder alltägliche Gewohnheiten. Wer als Besucher, Geschäftspartner, Freund oder Gefährte von Thais dies nicht weiß oder vergisst, wird sich manches Verhalten und manche Situation in Thailand nicht erklären können und dabei ratlos, fassungslos oder manchmal sogar verärgert zurückbleiben. Nicht wenige Irrationalitäten des thailändischen Alltags erschließen sich – wenn überhaupt – für den westlich geprägten Rationalisten nur dann, wenn er sich darüber bewusst ist, dass für die Thais diese „übersinnliche Dimension“ allgegenwärtig ist.

„Buddhistisch“ im engeren Sinne der Lehre des Buddha ist dieser gelebte thailändische Volksglaube allerdings nicht. Der Buddha liebt es ja eigentlich eher schlicht: ein paar goldene Regeln für das richtige Verhalten im gegenwärtigen Leben, die Verheißung auf Erleuchtung als finalen Zustand der Existenz jenseits des „Ich“, der Glaube an einen ewigen Kreislauf des Lebens, der vom Karma – also der letztlich immer zu einem selbst zurückkehrenden Wirkungen von guten wie schlechten Taten –  geprägt ist: Mehr braucht es nicht im Buddhismus. Keine komplizierten Götterwelten wie bei den Hindus, kein Glaubensbekenntnis an das Wunder der Auferstehung und an den einen, dreifaltigen Gott wie im Christentum, keine Ergebung, Hingabe und Unterwerfung unter Allah und seinen Propheten Mohammed wie im Islam.

Buddha sah sich nicht als Gott, sondern als Lehrer. Der Buddhismus kennt keine Dogmen. Er ist quasi eine zutiefst basisdemokratische Religion, in der jeder ein Buddha werden kann. In Thailand gilt das allerdings nur für die Männer. Frauen sind noch mindestens eine Wiedergeburt – dann als Mann natürlich – von der Buddhaschaft entfernt.

Das ist nicht in jedem buddhistischen Land so. So gibt es durchaus Regionen und Richtungen des Buddhismus – in Vietnam zum Beispiel – wo auch Frauen ein gleichwertiges mönchisches Leben führen können. Das ist in Thailand nicht der Fall. Zwar ordinieren Frauen gelegentlich auf Zeit, aber keinesfalls auf einer Ebene mit den Mönchen. Nicht mal in der gleichen Kleidung. Die berühmte gelbe Mönchsrobe ist den Männern vorbehalten. Frauen, die sich temporär oder ganz in den Dienst der Religion stellen, tragen weiße Gewänder. Und immer noch zählt zu den Mönchsregeln, dass Frauen von ihnen niemals direkt berührt werden dürfen. Wenn doch, so ist eine langwierige rituelle Reinigung fällig.

Worin sich der Buddhismus in Thailand nicht von anderen Ländern unterscheidet, ist der hybride Umgang mit vorbuddhistischen Glaubensvorstellungen und Riten. Überall dort, wo dieser Glaube im Laufe seiner rund 2500jährigen Geschichte Anhänger gefunden hatte, sind andere Überzeugungen, Rituale und Traditionen nicht ausgemerzt, sondern weiter zugelassen oder sogar integriert worden. Das lässt sich leicht an den unterschiedlichen Ausprägungen, Strukturen und Ritualen von Buddhisten in verschiedenen Kulturkreisen nachvollziehen. Während katholische Messen oder muslimische Freitagsgebete überall auf der Welt etwa gleich ablaufen, kennen die Anhänger Buddhas keine einheitliche Glaubenspraxis: Die Unterschiede zwischen japanischem Zen-Buddhismus, tibetischem Lamaismus und selbst innerhalb des Theravada-Buddhismus – etwa zwischen Sri Lanka und Thailand – sind mannigfaltig.

Während wir im katholischen Katechismus die Unvereinbarkeit mit anderen religiösen Praktiken und Glaubensvorstellungen lernen, während das Christentum „Saulus“ und „Paulus“ kennt, setzt der Buddhismus eher auf Toleranz und Vereinnahmung. So ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel in Tibet Rituale, Geisterwelten und Volksfrömmigkeit der Bön-Religion, des Vorläuferglaubens der buddhistischen Lama-Kultur, einfach übernommen wurden und bis heute Erscheinungsbild und Glaubenspraxis im Himalaya prägen. Genauso ist es in Thailand mit der auf Geisterglauben, Naturerscheinungen und Weissagungen beruhenden animistischen Traditionen. Sie sind Teil des Volksglaubens und der religiösen und kulturellen Praxis geblieben. Und zwar nicht nur geduldet, sondern sogar integriert in das Wirken der buddhistischen Religion. So segnen die Mönche bei einer Hochzeitszeremonie nicht nur Wasser, Bindfäden, Kerzenwachs und andere Utensilien, die erst später während des „heidnischen“ Hochzeitsrituals zum Einsatz kommen. Auch der Dorfschamane, der dieses animistische Ritual moderieren wird, erfährt eine besondere Segnung während der Mönchszeremonie, die ihn reinigt, bekräftigt und schützt für sein Werk der Vermählung (siehe auch: https://scontour.com/2019/01/26/isaan-verschlafene-hochzeit/ ). Diese fast schon sprichwörtliche buddhistische Toleranz hat natürlich ihre Grenzen. Und zwar genau dort, wo politische und ökonomische Machtfragen beginnen, mit religiösen Überzeugungen verknüpft oder gar begründet werden und wo andere Religionen oder Weltanschauungen– einst oder heute – gegenüber den Buddhisten aggressiv missionieren.

Doch all diese rationalen Betrachtungen waren in meinem Moment in der Grotte des Isaan-Tempels – als mich der Hauch von „Vipassana“, von Einsicht erreichte – weit, weit weg. Ich war alleine dort. Meine thailändische Sippe war draußen auf dem Tempelgelände unterwegs oder noch in der Audienzhalle verblieben, um fasziniert der Heilkunst der Mönche dieses Tempels zu folgen, der bekannt dafür ist, medizinisch hoffnungslose Fälle mit insbesondere chronischen Krankheitsverläufen Hilfe und Linderung zu verschaffen. Eben erst trug und zerrte eine Thai-Familie die fast erwachsene Tochter, die offenkundig unter einem schweren epileptischen Anfall litt, zu einem Mönch. Ich bin medizinisch nicht sonderlich bewandert, aber tatsächlich gelang es dem Mönch, die junge Frau zu beruhigen und ins „Hier und Jetzt“ zurück zu holen – unter den staunenden Blicken von Angehörigen und sonstigen Anwesenden. Denn auch im Tempel ist Privatheit, Schutz vor allgemeiner Anteilnahme am intimen Geschehen einer Mönchsbefragung, eines Rituals oder eine Heilung gänzlich unbekannt. Sorgen, Verfehlungen, Krankheiten und Ratschläge werden miteinander geteilt – egal ob es sich um die dabeisitzenden Verwandten oder gänzlich unbekannte Zeitgenossen handelt. Und egal ob man sich im Tempel oder einer staatlichen Krankenstation befindet.

Umso dankbarer bin ich dafür, in „meinem Moment“ in der Grotte allein gewesen zu sein. Auch wenn ich mich gar nicht allein gelassen fühlte, sondern seltsam behütet und verstanden, ohne sagen zu können, durch was oder von wem. Das war auch gar nicht wichtig in diesem Moment. Ich schaute auf die Buddha-Statue gegenüber des Platzes, an dem ich mich in der sonst so schmerzhaften Hockposition niedergelassen hatte, die mir in diesem Augenblick jedoch gar nichts ausmachte. Ein leichter Lichtstrahl von außen berührte die Statue, von der ich durch ein tiefes, dunkles Loch, das sich in der Mitte der Grotte auftat, getrennt war. Heiliges Wasser aus einer Quelle füllte das Loch, um dessen Rand herum Gläubige kleine Statuen – Buddhas und Figuren aus der Geisterwelt – im Laufe der Jahre drapiert hatten. Aber meine Augen blieben eigentlich an nichts in diesem Raum hängen. Sie fühlten sich an wie nach innen gedreht. Mich umfasste eine Ruhe, wie ich sie eigentlich zuvor noch nie erlebte. Natürlich gibt es diese „Magic Moments“ beim einsamen Sonnenuntergang an einem menschenleeren Strand, beim Blick über endlose Reisfelder oder andere prägnante Landschaften bei meinen unbegleiteten Wanderschaften (siehe auch https://scontour.com/2019/01/06/sunset-the-smooth-of-every-day%ef%bb%bf/ und https://scontour.com/2019/05/29/isaan-wanderungen-bai-nai/ ).

Aber das hier war etwas unbeschreiblich anderes. Es fühlte sich stark und gut an. Losgelöst und bedürfnisfrei. Ruhig, aber hellwach. Lächelnd, aber frei von oberflächlicher Heiterkeit.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, wie lange ich in der Grotte allein blieb – vermutlich fühlte es sich viel länger an als es tatsächlich war. Eine Gruppe mir sehr gut bekannter Thai-Frauen betrat jedoch irgendwann in bekannter Manier miteinander schnatternd die Grotte und beendete diese, meine sonderbare Szenerie. Aber das eigentlich verwunderliche daran war: obwohl ich gerne noch länger in diesem Moment geblieben wäre, empfand ich weder Zorn auf die Gruppe, noch ärgerte ich mich über die schnelle Störung noch war ich enttäuscht darüber, dass der Moment schon zu Ende war. Vielmehr empfand ich Freude, Erleichterung und Dankbarkeit dafür, einen solchen Moment erlebt haben zu dürfen. Und immer noch milde lächelnd betrachtete ich voller Güte die Frauen, wie sie leicht erschrocken meiner gewahr wurden, das Gerede einstellten und sich in mit der immer wieder faszinierenden Anmut ihrer Bewegungen andächtig in die Hockposition begaben,  um ihre traditionellen Sanskritverse zu murmeln: in der Hoffnung, ihr Lebenskarma dadurch positiv zu beeinflussen und mit dem Wunsch, dem Buddha ein Stück näher zu kommen. Ich bin mir seit diesem Moment sicher: Beides ist tatsächlich möglich.

Die Aufnahmen von Tempelanlagen und Zeremonien entstanden in den Orten bzw. Provinzen Bangkok, Bang Sare, Buriram, Chachoengsao, Chonburi, Pattaya, Samut Prakan, Sisaket und Surin.

Fernweh – Glai Baan. Eine Thailand-Fotoshow.

Fernweh. Glai Baan. Eine kleine Fotoreise durch Thailand bevor die kalte Jahreszeit in Mitteleuropa beginnt.

Fernweh. Glai Baan. Eine kleine Fotoreise durch Thailand bevor die kalte Jahreszeit in Mitteleuropa beginnt.

Dicke Regenwolken am Ende des mitteleuropäischen Sommers sind wie Schatten, die der Herbst und die kühle Jahreszeit vorauswerfen.

Luftmassenwechsel.

Irgendwann. Im September. Oder vielleicht ein wenig später.

Zum letzten Mal unvermummt draußen sitzen. Das letzte Wochenende am Badesee. Die letzten Tage im T-Shirt.  Das soll es nun gewesen sein mit Wärme, Schwimmen, Sommerfrische für die nächsten sechs Monate?

Was für ein ungeheuerlicher Gedanke.

Genau in diesem Moment setzt es ein, das Fernweh: Thailand! Meer! Strand! Wärme! Sonne! Landschaft! Gerüche! Leben! Und das parallel zum europäischen Spätherbst oder sogar zum tiefsten Winter.

Die Sehnsucht verschafft sich Zutritt zur Seele. Die Bilder brennen sich in meine Erinnerungen. Der TomYam–Geschmack mit echten, frischen Zutaten legt sich auf meine Zunge. Die Ohren lassen mich glauben, das tägliche Zikadenkonzert zum Sonnenuntergang zu hören. Ich denke an warme, durchgetanzte Nächte und an den soften Beginn eines neuen Tages in Südostasien.

Fernweh. Wer sich einmal von diesem Südostasien, von diesem Thailand einnehmen ließ, der wird davon immer wieder erfasst.

Und so geht es natürlich auch denjenigen Thais, die ihr Leben fernab der Heimat auf den nördlicheren Teilen der Erdhalbkugel verbringen müssen. Sie haben kein Fernweh. Sie haben „Glai Baan“: Heimweh. Gerade im Winter.

Als letzte Woche plötzlich die erste Regenfront schon im August für Abkühlung und einen „Taste of autumn“ sorgte, konnte ich nicht anders als mir ein paar Fotos zurecht zu legen und eine kleine Youtube-Show daraus zu machen: mit ein paar Einblicken die Sehnsucht stillen. Mit ein paar Ausblicken das Fernweh behandeln. Beim „Glai Baan“ ein wenig helfen.

Das Ergebnis gibt es nun bei Youtube und wahrscheinlich auch in vielen Herzen derjenigen, die nicht oder noch nicht das Glück haben, sich von den kalten Herbstwinden nach Thailand treiben zu lassen, um dort oder woanders in Südostasien zu überwintern oder wenigsten einem Teil des Winter zu entfliehen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als möglichst bald wieder gegen die Hitzewand von Suvarnabhumi zu stoßen und endlich wieder „neue Augenblicke“ (siehe https://scontour.com/2019/02/10/neue-augenblicke-in-thailand/) unter Thailands Sonne erleben zu dürfen.

Viel Spaß bei einer kleinen Fotoreise durch „mein Thailand“:

Eine Hommage an Thailands Frauen

Geliebt. Gehasst. Vergöttert. Beschmutzt. Nicht zuletzt seine Frauen prägen das Bild Thailands in der Welt. Die Pole von sprichwörtlichem Anmut und grellem Rotlicht versperren dabei oft den Blick auf die Normalität des Lebens der weit überwiegenden Mehrheit von Frauen im „Land des Lächelns“. Eine Hommage an Thailands starkes Geschlecht.

Das Bild der Thailänderinnen in Europa ist seit Jahrhunderten stetigem Wandel unterworfen. Meyers Konversationslexikon stellte im Jahr 1851 fest,  dass die „kleine Nase mit auseinandergekehrten Nüstern, der große Mund, die dicken Lippen, die kleinen schwarzen, in gelbliches Weiß abstechenden Augen, die etwas schief gestellten, sehr breiten und hohen Backenkochen, die das Gesicht eckig machen zusammen mit düsterner, trüber Miene, trägem und widerlichem Gang“ den Thailänderinnen „allen Anspruch auf Schönheit nach europäischem Maßstab nehmen“ (zitiert nach Andreas Stoffers, „Thailand und Deutschland: Wirtschaft, Politik, Kultur“, Springer Gabler 2014, S. 41).

Rund hundert Jahre später – also in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts – waren die Deutschen dagegen nach dem Besuch des damals jungen, heute ehemaligen thailändischen Königspaares in Europa verzaubert von der Anmut, Zuvorkommenheit und Schönheit von Königsgattin Sirikit. Ihre Erscheinung prägte nun das Bild der Deutschen und anderer Europäer von der thailändischen Frau.

Heutzutage sind es allzu oft die in den sozialen Medien mit wenigen Klicks zu findenden einschlägigen Aufnahmen von Thailänderinnen aus den auf internationales Publikum orientierten Rotlichtvierteln des Landes, die allzu schnell mit den Frauen des Königreichs assoziiert werden: Lasziv statt anmutig, spärlich bekleidet und vorzugsweise mit High-Heels an den Füssen.

Sirikit und die Rotlichtfrauen haben sicherlich die größte Reichweite erzielt in Sachen „Bild der Thailänderinnen“. Aber weder die Upperclass-Women noch die Redlight-Girls prägen tatsächlich das Bild der thailändischen Frauen, wenn man durch den Alltag des sogenannten „Land des Lächelns“ flaniert.  Es sind vielmehr die „ganz normalen“ Frauen des Alltages, denen man in der Regel begegnet, von manch einem als das wahre Rückgrat der thailändischen Gesellschaft und der dörflichen Gemeinschaften, der thailändischen Ökonomie, der thailändischen Volksfrömmigkeit und der thailändischen Familienbande bezeichnet. Möglicherweise nicht zu Unrecht.

Und diese Frauen tragen weder die teure Mode der jungen Sirikit noch Rotlicht-Fummel: Also keine High-Heels und Glitzerkram, sondern Gummilatschen, Mickey-Mouse-Shirts und FC-Liverpool-Shorts, soweit sie nicht in der Einheitskleidung ihrer Company oder berufsbedingt in Business-Kleidern unterwegs sind. Und wer einmal einen inneren Einblick in den Haushalt einer thailändischen Großfamilie erhalten hat, wird schnell feststellen, dass weder die Latschen noch die Kleidung unbedingt festen Personen zugeordnet ist. Man nimmt die Kleider, die gerade trocken sind und die Latschen, über die man am Morgen als erstes stolpert, wenn man eilig auf den Weg zur Arbeit das traditionell nur barfuß zu betretende Familienheim verlassen muss.

Weibliche Berufstätigkeit in Form von Selbstständigkeit, (Mit-)Arbeit im bäuerlichen Familienbetrieb ist in Thailand übrigens genauso selbstverständlich wie die Arbeit von Frauen in Büros, Fabriken – ja, sogar schwere körperliche Arbeit im Straßen- und Häuserbau. Kaum ein Bautrupp kommt ohne weibliche Mitarbeiter aus, auch wenn die in diesem Gewerbe inzwischen oft aus den ärmeren Nachbarländern stammen. Arbeiten ist selbstverständlich für Frauen, eine Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wie sie noch vor einem Vierteljahrhundert in westlichen Gesellschaften Standard war – Vater geht arbeiten, Mutter kümmert sich um Kinder und Haushalt – ist in Thailand weitgehend unbekannt. Das hat ganz sicher historische Gründe, denn als Agrarvolk waren es die Thais unabhängig vom Geschlecht natürlich immer schon gewohnt, dass alle mit anpacken – ob im Reisfeld oder im Stall. Es hat aber auch ökonomische Gründe, dass Frauen wie Männer heutzutage Jobs nachgehen. Denn in Thailand kann kaum eine Familie der Mittelschicht überleben, wenn nicht alle Erwachsenen einen Beitrag zum Gesamteinkommen leisten. Und die Kinder? Werden oft von den Großeltern erzogen und besuchen natürlich Ganztagsvorschule und Ganztagsschule. Das ist der Alltag in den allermeisten Familien.

Nicht wenige Frauen sind aber auch deshalb aufs Arbeiten angewiesen, weil sie sich alleine durchs Leben schlagen müssen. Zwar ist es in Thailand möglich, die Ehe zwischen Mann und Frau auch gesetzlich eintragen zu lassen und sogar theoretisch denkbar, daraus Unterhaltszahlungen abzuleiten. Aber die meisten Ehen werden lediglich vor dem Auditorium von Mönchen, Schamanen und Dorfbewohnern geschlossen (siehe https://scontour.com/2019/01/26/isaan-verschlafene-hochzeit/). Dies ist zwar verbunden mit einer aufwendigen und durchaus moralisch verpflichtenden Zeremonie, bringt aber den Partnern keinerlei einklagbare Rechte und Pflichten. So fallen – rein rechtlich betrachtet – Trennungen leicht und es gibt deren entsprechend viele.

Oft sind die Frauen dabei die Verliererinnen – emotional, sozial, rechtlich und ökonomisch. Das ist ein Grund, warum in Thailand noch immer der Brauch des Sinsod – des Brautgeldes – nicht aus der Mode kommt, quasi als eine vorgelagerte Trennungsversicherung zu Gunsten der Frau bzw. ihrer Familie. Und die fehlende rechtliche Absicherung ist der Grund, warum man in Thailand den Frauen sprichwörtlich eher keine Blumen, dafür aber Gold schenkt. Das sieht zwar auch als Schmuck schön aus – ist aber in allererster Linie eine Geldanlage und Absicherung für den Fall der Fälle, wenn die Liebe verwelkt ist und die Blumen längst verwelkt wären.

Und: nicht wenige Frauen in den Rotlichtvierteln – und zwar in denen für Ausländer als auch in denen für Thais – sind sitzengelassene Ehefrauen mit Kindern, für deren Zukunft diese Frauen nun offenbar fast alles tun – auch sich zu prostituieren.

Natürlich gibt es auch Männer, die sitzengelassen werden, oft weil sie nicht genug Geld verdienen oder zu alt zum Geldverdienen geworden sind. Auch solche Fälle kenne ich – es sind nicht wenige. Dennoch unterscheidet sich Thailand nicht darin, dass die ökonomischen und persönlichen Risiken einer gescheiterten Beziehung – vor allem einer, bei der es auch Kinder gibt – mehrheitlich bei den Frauen liegen.

Mir sind – trotz oder gerade wegen dieser Risikoverteilung – viele wirklich starke Frauenschicksale in Thailand begegnet: in den Dörfern und auf den Märkten, in den Büros und den Läden, in Bars und im Bekanntenkreis. Ich bin immer wieder überrascht, mit welcher Stärke, welcher Kraft, welchem Mut diese Frauen persönliche Herausforderungen, Schicksalsschläge, Enttäuschungen, Erniedrigungen annehmen und meistern – ohne das Netz und den doppelten Boden eines Sozialsystems im Rücken, das es in Thailand in der uns im Westen bekannten Form nicht einmal ansatzweise gibt. Betrug, Arbeitslosigkeit, geplatzte Deals, Geschäftsaufgaben, Mieterhöhungen oder bösartige Familienmitglieder: alles wird irgendwie weggesteckt und es wird weitergemacht. Für die Kinder. Für die Alten. Für sich selbst.

Und trotzdem – wenn es sich ergibt, wird gerne ein Moment der Freude mit den Kindern, mit Freunden, mit leckerem Essen oder einem Gläschen Mekong Whisky genossen. Die Fähigkeit zum Genießen des Augenblickes, von „Sanook“ und “Sabai“ trotz aller Sorgen, haben die wenigstens thailändischen Frauen verloren. Auch das ist für mich immer wieder bewundernswert. So ergeht es nach meiner Wahrnehmung jedenfalls der deutlichen Mehrheit der getrennten Frauen und ich wünsche ihnen allen, dass ihre Kinder diese Energieleistung nie vergessen und es ihren alt und schwach gewordenen Müttern später danken werden.

Aber die Straßen Bangkoks, Pattayas und anderen größerer Städte verraten bei genauem Hinsehen auch, dass nicht alle die Kraft haben, ihre Lebensklippen zu nehmen – vor allem nicht in zunehmendem Alter. Man sieht diejenigen, die es nicht geschafft haben – unter Bangkoks Straßenbrücken oder an den Kanälen, neben dem Bahnhof Hua Lamphong und manchmal sogar an der Beach Road in Pattaya oder der Bangla in Phuket. Es sind schockierende Bilder von Armut und Verzweiflung, die eben auch zu Thailand gehören. Sie machen mich demütig, denn – auch wenn der thailändische Volksglaube eine andere Erwartung an das Ende des Lebens hat – ich gehe doch eher davon aus, dass jeder Mensch nur ein Leben hat. Und daher macht es mich unendlich traurig, wenn dieses eine Leben eben jenes Menschen unter der Brücke so fatal verläuft – egal ob Mann oder Frau.

Das ist natürlich nicht Thailand-spezifisch und es gibt ganz sicher Länder, in denen es viel schlimmere Armutsszenen gibt. Aber gerade im Land des Lächelns – in Nachbarschaft von Traumstränden, Villenanlagen, Sternerestaurants, belebtem Nachtleben und prächtigen Palastfassaden – wiegt der Kontrast schwer.

Besonders die Glitzerwelt der Rotlichtviertel scheint davon meilenweit entfernt zu sein, ist aber in Wahrheit nicht nur räumlich dem Elend ganz nah. Den wenigsten – weder den Männern noch den Frauen – wird das in den Momenten bewusst sein, in denen sie sich dort allabendlich begegnen, fasziniert von der asiatischen Schönheit auf der einen und fasziniert von der Aussicht auf hohen Verdienst auf der anderen Seite. Im Laserlicht und der Ausgelassenheit des Alkohols sind andere Blickwinkel wichtig und der Horizont reicht oft maximal bis zum nächsten Morgen. Die Frauen und ihre Schicksale im Prostitutionsgewerbe Thailands sind genauso unterschiedlich wie die Frauenschicksale im Rest der Gesellschaft. Auch im Rotlicht gibt es die starken selbstbewussten Frauen, die ihren Weg gehen und die Regeln dafür wenigstens mitbestimmen. Und es gibt diejenigen, die in den unterschiedlichsten Abhängigkeiten gefangen sind, Abhängigkeiten zu Menschen, Umständen, Schulden, Drogen, Gefühlen. So können auch hier – mitten im vermeintlichen Glamour, zu den coolsten Rhythmen und den erotischsten Bewegungsabläufen – hässliche Momente und Bilder entstehen, die denen unter den Brücken in nichts nachstehen, auch wenn sie nicht so offensichtlich sind.

Die Frauen im Rotlicht und die Frauen unter den Brücken sind trotzdem und immer noch und ganz sicher auch in der Zukunft nicht die Frauen, die Thailand vor allem prägen. Das sind viel mehr die Eauws und Sas und Gois und Gungs, die täglich den Karren ziehen – bisweilen im übertragenen und manchmal im wörtlichen Sinne. Das sind diejenigen, die da sind: für ihre Kinder, ihre Eltern, ihre Männer, ihre Freundinnen. Es sind die, die oft wenig sagen, aber viel tun. Es sind die Mütter und Töchter eines Landes, in dem es viel Sonne gibt und daher eben naturgemäß auch viel Schatten geben muss. Die Frauen Thailands tragen einen wesentlichen Teil dazu bei, dass Thailand genauso so liebenswert, bereisenswert und so lächelnd ist, wie es ist. Und dafür können ihnen Thailands Gäste – egal ob männlich oder weiblich – nicht dankbar genug sein.

Mit meiner Kamera habe ich in verschiedenen Regionen Thailands versucht, mich diesen Frauen ein wenig zu nähern. Manchmal nur für Sekunden, manchmal für länger, und – in einem Fall – für sehr viel längere Zeit.

Meine Fotos von thailändischen Frauen in diesem Blog und bei Youtube verstehe ich als meine kleine Hommage an sie. Ich will nicht bloßstellen, nicht voyeuristisch sein und ihre Fotos auch nicht zum Clickbaiting missbrauchen. Sondern sie sind wesentlicher Bestandteil meines subjektiven Blicks auf den kleinen Ausschnitt thailändischen Lebens, der sich mir auf meinen Wegen offenbart. Ich will weder alte Klischees abarbeiten noch neue kreieren. Ich betrachte die Frauen in den Städten und Dörfern des Landes, die ich besuche einfach nur durch mein Kameraobjektiv. Und schnappe dabei manchmal ein paar Geschichten auf. Und mache mir ein paar Gedanken dazu . Nichts davon ist allgemeingültig. Keine Aussage erhebt den Anspruch auf die absolute Wahrheit. Es ist eben nur meine persönliche Hommage, die nicht zuletzt aus Dankbarkeit und Anerkennung entstanden ist. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Youtube-Fotoshow zu diesem Blogbeitrag gibt es übrigens hier:

Bangkok: Streifzüge durch den Alltag

Bangkok ist nicht eine Stadt. Sondern unzählige. Eindrücke aus dem „daily life“ in meiner neuen Youtube-Fotoshow. Have a look!

Eine Youtube-Fotoshow über die „Stadt der Engel“

Bangkok ist immer wie eine Einladung an alle Sinne.

Bangkok kann schnell überfordern.

Bangkok ist immer wieder faszinierend.

Bangkok lässt dich nie wieder los.

Bangkok ist Bewegung.

Bangkok ist Begegnung.

Bangkok ist Bereicherung.

Bangkok ist hart.

Ist schön.

Ist eine Herausforderung.

Bangkok ist nicht eine Stadt.

Sondern unzählige.

Mach dich auf den Weg durch die Stadt.

Finde dein Bangkok.

Oder lass dich finden.

Mehr Augenblicke aus Bangkoks Alltag in meiner neuen Youtube-Slideshow:

Isaan-Wanderungen: Bai Nai?

„Bai nai?“ Wohin des Weges? Unzählige Male schalt mir diese Mischung aus Frage und Gruß entgegen, wenn ich mal wieder zu Fuß durch den Isaan streife. Ein wandernder Farang? Für viele Bewohner der kleinen Dörfer ist das eine illustre Erscheinung. Wo kommt er her? Wo will er hin? Und warum fährt er nicht mit Auto, Motorrad, Taxi oder Songthaew?

„Bai nai?“ Wohin des Weges? Unzählige Male schalt mir diese Mischung aus Frage und Gruß entgegen, wenn ich mal wieder zu Fuß durch den Isaan streife. Ein wandernder Farang? Für viele Bewohner der kleinen Dörfer ist das eine illustre Erscheinung. Wo kommt er her? Wo will er hin? Und warum fährt er nicht mit Auto, Motorrad, Taxi oder Songthaew?

Es sind freundliche, aber auch fragende Gesichter, denen ich auf meinen Wegen über die Felder und durch die Dörfer begegne. Wie kann er bei dieser Hitze laufen und wie lange wird er wohl durchhalten? Und was will er hier, ausgerechnet hier in unserem kleinen Dorf am Rande des ohnehin schon abgeschiedenen Isaan? Und allzu oft stoppen fremde Motorradfahrerinnen oder Autobesitzer und bieten mir an, mich mitzunehmen. Dass ich freiwillig, in voller Absicht und bester Laune zu Fuß von einem Dorf zum nächsten wandere, kann sich niemand so recht vorstellen.

„Bai nai?“

„Exercise!“ habe ich mir angewöhnt, zu antworten.

Mit diesem Wort können die meisten – trotz in der Regel rudimentärer Englischkenntnisse – etwas anfangen. Zunächst hatte ich es mit „Sport“ probiert. Das sagte ihnen nichts und provozierte unverständlich-ungläubige Blicke. Denn Sport ist Wettbewerb, Meisterschaft, große Emotionen, erbitterte Muay Thai-Kämpfe oder ewige Niederlagen der thailändischen Fußball-Nationalmannschaft. Jedenfalls etwas, das Profis und Stars im Fernsehen machen. Und nicht ein einsamer, verschwitzter Farang auf der eigenen Dorfgasse.

„Exercise“ kennen die Dorfbewohner auch aus dem Fernsehen. Und aus dem Leben fast jedes Provinzstädtchens. Ihr neuer König startete – als er noch den Status Prinz und Thronfolger hatte – eine große Breitensportbewegung „Bike for Mom“. Damit sollten gleich drei thailändische „Problemfliegen“ mit einer Klappe geschlagen werden: Die Thais sollten ermutigt werden, sich selbst sportlich zu betätigen. Denn mit dem Einzug von Fastfood aus der westlichen Welt, mit zunehmendem Alkoholkonsum und mit der Verbreitung von Büroarbeit und automatisierter Unterstützung körperlicher Arbeit in Landwirtschaft und Fabriken sind Übergewicht und die damit einhergehenden Krankheitsbilder ein Thema in Thailand geworden: optisch im Straßenbild und gesundheitlich in den Wartesälen der staatlichen, thailändischen Krankenstationen, die es überall im Land gibt.

Zugleich sollte in Zeiten der politischen Krise und der ökonomischen Herausforderungen die Orientierung auf das Königshaus und die Königinmutter gestärkt werden, gerade weil zum Zeitpunktes des Starts von „Bike for Mom“ der damals noch amtierende König Bhumibol selbst aufgrund seines höchst angeschlagenen Gesundheitszustandes nicht mehr durch neue persönliche Auftritte in der Öffentlichkeit seinem Volk Halt und Sicherheit geben konnte.

Und schließlich diente die Kampagne dem Prinzen dazu, seine eigene Regentschaft vorzubereiten. Denn ihm oder zumindest seinen Beratern war wohl schon früh klar, dass es etwas aufzubereiten galt angesichts des Image, das dem heutigen König damals anhing.

„Exercise“ ist also auch den Leuten in den Dörfern ein Begriff. Das machen die Städter, unter Anleitung ihres zukünftigen Königs, zum Nutzen ihrer Gesundheit und zu Ehren der Königin. Und sogar dieser Farang hier, der schwitzend und schnellen Schrittes durchs Dorf zieht, macht mit. Wenn auch ohne Fahrrad, nur per pedes. Aber er ist ja auch ein Farang und er kennt sich nicht so gut aus. Nichtsdestotrotz: bei vielen meiner kurzen „Bai-Nai-Exercise“-Begegnungen geht sogleich der Daumen nach oben und dazu erhalte ich ein Lächeln irgendwo zwischen Anerkennung, Respekt, anteilnehmender Sympathie und der Diagnose fortgeschrittenen Wahnsinns angesichts der Hitze – bei mir.

Hunde können übrigens nicht lächeln und haben keine Daumen. Nicht nur deshalb gibt es von ihnen keine Sympathiebekundungen, sondern bestenfalls ein halb geöffnetes Auge während sie bewegungslos in der Mittagshitze dösten. Bestenfalls! Die Regel ist jedoch: aufgeregtes Bellen, drohendes Knurren und sofortige Signalisierung der Verteidigungsbereitschaft von Hab und Gut des Herrchens durch furchteinflößendes Zähnefletschen. Mit thailändischen Wachhunden, von denen es in jedem Ort deutlich mehr gibt als Bedarf wäre, ist nicht zu spaßen und es gibt mehr als einmal Situationen, wo ich wirklich befürchte, nicht ungeschoren davon zu kommen. Besonders nervend sind Rudelbildungen, in denen sich die Meuten mehrerer Nachbarschaften – alarmiert durch einen bellenden Kollegen – miteinander vereinen, bevorzugt an den kleinen Straßenkreuzungen der Dörfer. Sehr unangenehm, zumal wenn in diesem Moment keine Menschenseele am Gehöft oder auf der Straße zu sehen ist. Auch deswegen freue ich mich immer über jedes offene „Bai nai“ und auch deswegen antworte ich immer mit einem fröhlich und harmlos klingenden „Exercise“, immer in der Hoffnung, dass der Wachhund meines Kurzgesprächspartners die Tempi unserer Stimmlagen als konfliktfrei und unbedrohlich interpretiert und sich das anstrengende Bellen und Zähnefletschen in der Hitze spart.

Draußen zwischen den Feldern, alleine und ungestört unterwegs, fühle ich mich sicherer. Die Füße und das Auge wandern über die weitläufigen Reisfelder – je nach Saison grün oder braun – bleiben an den von Eukalyptus-Alleen gesäumten Wasserkanälen hängen oder an einem kleinen Latexhain oder einem Maniokfeld mit den stengeligen grünen Pflanzen.

„Exercise“: ja, ich bin unterwegs im Isaan, um mich selbst körperlich zu fordern. Aber ich bin auch unterwegs, um intensiv, unmittelbar und entschleunigt meine Blicke über das Land, in die Dörfer, zu den Menschen schweifen zu lassen. Die Landschaft draußen ist flach.  Nur ganz hinten am Horizont – zumindest hier, im südlichen Zipfel des Isaan – ist die Hügellandschaft zu erkennen, die den Übergang nach Kambodscha bildet. Dort endet Thailand. Dort endet der Isaan. Dort endet diese Welt, die sich im wesentlichen um die einmal jährlich mögliche Reisernte dreht. Denn der Reis prägt nicht nur die Landschaft, sondern noch immer das Leben – ökonomisch, kulturell, kulinarisch. Der Reis prägt das Jahr, seine Abläufe, seine wiederkehrenden Aufgaben und Feste, die Ferienzeiten, das Wirtschaftsleben, ja selbst die Politik. Das Landschaftsbild wird so zum Symbol des Lebens.

Die Reisparzellen werden von mehr oder minder großen Dämmen voneinander getrennt. Auf diesen leichten Erhöhungen laufe ich durch das Land, wenn kein ordnungsgemäßer Weg zur Verfügung steht. Ich bin im Dorf meiner Frau gestartet, überquere einen breiteren Wasserkanal auf einer wenig vertrauenserweckenden Betonbrücke und bin dabei froh, dass mir niemand entgegenkommt, weder mit dem Motorrad noch auf dem Fahrrad oder zu Fuß. Zu schmal wäre diese Betonbrücke für zwei Personen oder gar ein Gefährt und mich, zumal es für den Luxus eines Geländers beim Erbauen der Brücke nicht reichte. Also überquere ich das Brückchen mit unsicheren, westeuropäischen Schritten und bin schließlich froh, in recht kurzer Zeit den parallelen Damm zu erreichen. Ich folge der Eukalyptusallee auf diesem Damm. Auch wenn dieser Baumtyp einen recht hohen Wasserverbrauch hat, so ist es doch eine einträgliche, zusätzliche Einnahmequelle für die Isaan-Bauern. Denn das Holz eignet sich besonders gut, um Gerüste oder sonstige bei Bauarbeiten notwendige Vorrichtungen zu errichten. Es wird also nicht etwa verbrannt oder in sonstiger Weise genutzt, sondern als Baustoff und Bauzubehör gehandelt. Allzu groß dürfen die Eukalyptusbäume allerdings nicht wachsen. Nur das Holz der jungen Bäume eignet sich für die Weiterverwendung. Bestellt der Besitzer eines Eukalyptushains oder einer Eukalyptusallee einmal seine Bäume nicht rechtzeitig, wachsen sie zu schnell oder zu ungestört. Wird nicht rechtzeitig geerntet, so ist das Wäldchen verloren, dient nur noch als Schattenspender und Windschutz. Der Eukalyptus muss jung und schlank genutzt werden. Die meisten kleinen Eukalyptushaine oder Mini-Alleen entlang der Wasserkanäle werden daher gehegt und gepflegt und schaffen ihren Besitzern eine einträgliche zusätzliche Einnahmequelle. So kommt ein wenig des Baubooms in den Hotspot-Cities Thailands auch im Isaan an. Dennoch wird mir schon beim Betrachten der Stämmchen hier entlang des Kanals beinahe schwindlig wenn ich daran denke, dass in Bangkok, Chiang Mai oder anderswo die Bauarbeiter ihr Tagwerk völlig ohne Sicherung auf diesen Hölzern balancierend verrichten. Nicht wenige von ihnen kommen – genauso wie die Hölzer – aus dem Isaan. Vielleicht rührt daher ihr Urvertrauen in Material und Konstruktion.

Irgendwann auf meiner Wanderung zeichnen sich die rot-goldenen Dächer des Wat Sima augenfällig durch das Grün der Felder hindurch ab. Das signalisiert mir, dass mein erstes Zwischenziel in der Nähe des für isaanische Verhältnisse relativ quirligen Ortes Ban Khanat Mon erreicht ist. Mit seinen beiden großen Schulen, dem örtlichen Verwaltungsgebäude, dem täglichen Markt und eben dem in der Umgegend sehr bekannten Wat Sima ist Ban Khanat Mon ein kleines Zentrum in dem Landschaftsstreifen zwischen der nächstgrößeren Kreisstadt Sangkha und der kambodschanischen Grenze. Ich passiere nach wenigen Minuten den Wat. Er liegt heute fast verlassen dar, die Mönche sind nicht zu sehen.

Noch vor wenigen Tagen erlebte ich das Areal ganz anders: am Abend, voller Menschen, Musik, Buddha-Rezitationen. Über dem Wat lag eine Wolke angenehmster Düfte aus der Vielzahl von Räucherstäbchen, die anlässlich einer regionalen Festivität dort entzündet wurden. Aus allen Dörfern im Umkreis von 10, 15 Kilometern waren sie gekommen. Die Pickups vollgeladen, auf Motorrädern mindestens zu viert und auch das ein oder andere, eigentlich landwirtschaftlich eingesetzte Gefährt habe ich vollgepackt mit Großfamilien entdeckt. Es war ein beeindruckender Abend mit all diesen friedlichen, unmissionarischen und dennoch überzeugt und überzeugend wirkenden Gläubigen, die sich hier versammelt hatten, um in einer besonderen Zeremonie dem Beginn des neuen Jahres zu gedenken. Aber heute, wenige Tage später liegt der Wat fast verlassen da. Nur die Tempelhunde, wieder einmal die Hunde, machen sich bemerkbar, schon als ich mich der Anlage auf einige hundert Meter nähere. Zum Glück erregt irgend etwas am entgegengesetzten Ende des Wat ihre höhere Aufmerksamkeit, so dass ich ungehindert passieren kann.

In Dorfnähe wechselt wie so oft der Feldbesatz. Die Kanäle für die Reisfelder werden – kein Wunder angesichts der gelegentlichen Wassermassen in der Regenzeit – in der Regel mit respektvollem Abstand zu den Häusern des Dorfes angelegt. Statt Reis sehe ich daher hier in der Nähe der Besiedlung Maniok in der trockenen Erde, dieses inzwischen etablierte Nahrungsergänzungsmittel für alle erdenklichen Formen von „Khanom“, also Snacks, dass die Bauern im Isaan also nicht für den Eigenbedarf, sondern zum Weiterverkauf an die Ernährungswirtschaft pflanzen. Und Zuckerrohr, das zwar gelegentlich gleich vor Ort im Dorf zu einem sehr süßen Saft ausgepresst wird, aber in der Regel ebenso wie Maniok in große Fabriken zur industriellen Weiterverarbeitung transportiert wird. Die teils abenteuerlichen Gefährte, in denen die Ernte ihren langen Weg nimmt, führen übrigens auf den Hauptstrassen des Isaan immer wieder zu teils haarsträubenden Überholmanövern ungeduldiger und schneller fahrender Verkehrsteilnehmer.

Kinder und Alte prägen überwiegend das Antlitz der Dörfer. Wenn diese beiden Gruppen ausreichend von den in Korat, Bangkok, Chon Buri, Rayong oder noch weiter entfernten pulsierenden Wirtschaftsregionen arbeitenden mittleren Jahrgänge unterstützt werden, kann man ihnen leicht ansehen, dass es ihnen gut geht. Umgekehrt gilt dies leider auch. Ein staatlich organisiertes soziales Netz fehlt in Thailand weitestgehend. Die Unterstützung der Familie bewahrt vor bitterer Armut. Oder eben nicht. Das wird sowohl unter den Brücken von Bangkok als auch in manch elend aussehender Hütte im Isaan deutlich. Aber nicht bei jedem im Isaan herrscht bittere Armut. Und nicht alles, was das westliche Auge als „arm“ oder „elend“ identifiziert – wie etwa Kleidung, Behausung, Küchen, Aborte oder der vor allem nur noch durch viel Rost zusammengehaltene fahrbare Untersatz –   wird von den Betroffenen selbst als ärmlich empfunden.

Man darf ein Dorf im Isaan nicht nach westlichen Kriterien sezieren – weder was Verhaltensweisen, Arbeitszeiten, Zustand oder Aussehen angeht.  Natürlich stechen die Häuser der mit Thailänderinnen verheirateten Farang und der reichen, örtlichen Thais mit Zugang zu regionalen oder überregionalen politischen und ökonomischen Netzwerken im Dorfbild heraus. Schmuck sehen sie aus, diese Häuser: modern, gepflegt, auffällig, mit Garten, ohne Landwirtschaftsutensilien. Aber es gibt genügend Behausungen von Thais, die zwar in unserem Empfinden primitiv wirken, aber voll funktionsfähig auch im Isaan ein halbwegs akzeptables Schicksal ermöglichen.

Mein Freund Put hat zunächst Pech und dann besonderes Glück gehabt. Als Puts Arbeitskraft mit zunehmendem Alter schwand, hatte ihn seine Frau verstoßen und aus dem gemeinsamen Haus geworfen. Aber er war der beste Freund eines Mannes, dessen Sohn im Eastern Seaboard zu bescheidenem Reichtum gekommen ist. Als die Frau seines Freundes starb, lud dieser ihn ein, jetzt dauerhaft bei ihm zu wohnen. Und als sein Freund verstarb und die Einladung quasi mit der Einäscherung erlosch, musste sich Put nicht etwa eine neue Bleibe suchen. Nein, der reiche Sohn seines Freundes beauftragte ihn kurzerhand, dass nun er auf das Haus aufpassen und dort dauerhaft bleiben solle. Seitdem führt er ein zwar einsames, aber glückliches und engagiertes Leben. Put verfügt über eine eingerichtete Küche, einen schönen Teakholzesstisch, den er auch nutzt und sich daher abgewöhnt hat, auf dem Boden zu essen. Die Sanitäranlagen sind unlängst erst renoviert worden, fließend Wasser aus dem eigenen Brunnen inkludiert.  Er schläft im Bett seines verstorbenen Freundes und nicht auf einer einfachen Bodenmatte. Put hat es also im Alter nach dem Rauswurf durch seine Frau wirklich gut getroffen. Er weiß um seine Privilegien und ist unglaublich dankbar und hilfsbereit, kümmert sich mit Verve um das Anwesen. Er pflegt den Garten und die Felder, achtet auf Sauberkeit im Haus und auf dem Grundstück, ist auf der Hut vor Einbrechern und Gesindel. Die Früchte des Gartens teilt er mit der im Dorf in eigenen Häusern wohnenden restlichen Familie seines verstorbenen Freundes. Auch alle Gäste, die gelegentlich – an Neujahr oder anlässlich sonstiger Zeremonien – im Haus weilen dürfen, unterstützt er mit Leidenschaft.

Aber so wie Put geht es längst nicht allen im Dorf. Auffällig ist die Spanne – zwischen reich und arm, modern und alt, ewig im Dorf Verbliebenen und in anderen Lebenswelten Erfahrenen. Sicher gibt es diese Spanne auch in einem deutschen Dorf, vielleicht weniger extrem. Aber da sich das Leben im Isaan auf der Straße, auf den zur Straße zugewandten Blaufließen-Terrassen und den teils offenen Bretterbuden abspielt, sind diese Unterschiede viel offenkundiger. Auf der einen Straßenseite die Frau, die ihre Altersschmerzen nur mit dem Kauen von Bethelnüssen und ihren täglichen Reisschnaps-Rationen bekämpfen kann und Kleider trägt, die man als Lumpen bezeichnen könnte. Und auf der anderen Straßenseite die junge Frau, die morgens mit ihrem neuen Motorbike in Businesskleidung oder Universitätsuniform in die Provinzhauptstadt fährt und abends via Tablet verbunden ist mit der ganzen Welt, mit modernen Kulturen und neuen Kommunikationswegen. Die beiden sind nur durch die schmale, erst vor wenigen Jahren geteerte Straße getrennt. Und durch ein paar Jahrzehnte Lebenszeit. Doch in Wahrheit leben sie beide eigentlich und meistens in völlig getrennten Welten. Nur die Dorftraditionen, die Nachbarschaftlichkeit und vermutlich verwandtschaftliche Bande verbinden die beiden noch.

Es sind schon enorme Entwicklungssprünge, denen diese Dörfer im Isaan ausgesetzt sind: durch technische Errungenschaften in der Landwirtschaft, durch neue Berufsbilder, durch anderes Konsumverhalten, durch Digitalisierung und gewachsene Kommunikationsmöglichkeiten, durch die Einflüsse derjenigen, die ihren Lebensmittelpunkt nicht mehr im Dorf, sondern aus beruflichen Gründen in den Zentren haben. Wenn man in Europa gelegentlich die Geschwindigkeit von aktuellen Entwicklungen wie Digitalisierung und Globalisierung als etwas Bedrohliches wahrnimmt, wie muss dies erst auf eine 50- oder 60jährige Thailänderin wirken, für die schon das erst vor wenigen Jahren angeschaffte Röhrenfernsehen im großen Wohnraum eine unglaubliche Veränderung von Perspektiven, Lebensinhalten und Tagesabläufen bedeutete.

Möglicherweise gab es immer schon Neid und Missgunst in den Dörfern des Isaan. Möglicherweise konnte man immer schon sein Gesicht verlieren, wenn man sich – in den Augen der Nachbarn – nicht ordentlich um sein Haus, seinen Hof und seine Familie gekümmert hat. Aber es ist für mich zweifelsfrei, dass mehr finanzielle Möglichkeiten, eine engere Bindung zum Rest der Welt, zunehmende Motorisierung, die Errungenschaften der Verwandtschaft in den Ballungszentren und die Verlockungen des modernen Konsums Neid und Missgunst in den Dörfern leider eher gestärkt haben. Das Geld der Farang, erworben in Pattaya oder anderswo oder direkt vor Ort gemeinsam in Grundstücke, Häuser, Autos und Infrastruktur investiert, tut sein Übriges.

Und doch: es wird noch immer gemeinsam gefeiert, zum Wat gepilgert, getrauert, gelacht, getrunken und palavert auf den Blaufliesen-Terrassen vor den Häusern. Und an Songkran vollzieht die Studentin mit dem Tablet an der Alten in den Lumpen ehrfurchtsvoll das Ritual der Fußwaschung.

Man lebt im Isaan nach vorne zur Straße hin, immer mit Blickkontakt zum Nachbarn, zur Dorfgemeinschaft, zu den morgendlich über die Dörfer ziehenden Mönchen oder den nachmittäglichen Verkaufswagen, die durchs Dorf rollen. Mancher und manchem Thai in Europa kommen unsere Dörfer und Städte dagegen architektonisch geradezu verschlossen, abweisend, kalt und unsozial vor. Im Isaandorf weiß man genau, wer zu seinen Freunden zählt und wessen Terrasse immer offen steht für einen Plausch, ein gemeinsames Essen oder einen Mekong Whisky. Und wen man geflissentlich ignoriert. Vielfältige Familienbande spielen dabei eine wichtige Rolle, aber bisweilen verlaufen die Gräben der verlorenen Gesichter auch zwischen den Clans. Aber so genau weiß das der Farang meistens nicht. Und das ist auch besser so.

„Bai nai“: diese so oft gehörte Begrüßungsformel ist dennoch ein sympathiegetragener Opener für einen kurzen oder längeren Kontakt. Es ist freundlich, offen, neugierig gemeint. Und das ist die überwiegende Haltung, die mir im Dorf meiner Frau, auf meinen Wegen durch Felder und Dörfer der Region, in den kleinen Städtchen und ihren Märkten und Shops, an der Tankstelle oder im örtlichen öffentlichen Schwimmbad begegnet sind. Natürlich hatte ich auch einige, allerdings wirklich wenige unangenehme Begegnungen. Aber ich lasse mir dadurch meine positive Einstellung zu diesem Teil Thailands nicht konterkarieren. Im Zweifelsfall hat man mehr schwierige Begegnungen in den Touristenhotspots, wobei auch dort eher die Gefahr besteht, von einem Farang negativ konnotiert angesprochen zu werden denn von einem Thai.

Die Dörfer, der Isaan, die Menschen auf dem Land: Das ist ein Teil „meines“ Thailand, sogar ein ganz wesentlicher Teil. Es ist eine Rückbesinnung. Es ist ein Thailand, ohne dass der schillernde Rest dieses beeindruckenden Landes nicht wirklich und vollständig zu verstehen ist. Ich bin sehr dankbar, diese Seite Thailands intensiv, authentisch und durch eigenes Erleben kennengelernt zu haben und immer wieder neu kennen zu lernen und dabei stets dazu zu lernen. Ich möchte keine Sekunde missen, die ich im Isaan verbracht habe und noch verbringen werde, auch wenn ich genauso gerne am Strand die Seele baumeln lasse oder auf Farang-orientierte Infrastruktur in den touristischen Zentren zurückgreife. Aber wer Thailand und die Thais sozial, politisch und ökonomisch wenigstens ein bisschen besser verstehen will, wer den Mentalitäten der Thais näherkommen will, wer einen Sinn für das Leben in Thailand entwickeln will, der kommt nicht drum herum das Leben im Dorf – egal ob im Isaan oder anderswo – kennen zu lernen. Die Funktionsweisen dieser dörflichen Gemeinschaft, der Familienclans, der gemeinsamen sozialen Gruppen prägen auch das soziale Leben und das soziale Verhalten in den Großstädten, in den Touristenhochburgen, sogar wenn Thais gemeinsam ein Restaurant, eine Bar, einen Übernachtungsbetrieb oder sonst eine wirtschaftliche oder private Community organisieren. Die Grundsätze der Rollenverteilung und des Rollenverhaltens aus dem Dorf oder aus der Sippe werden selbst in eine der Lebenswirklichkeit der Thais so fernen Institution wie einer Agogo oder einer Bierbar in der Soi Buakhao von Pattaya übertragen. Immer lassen sich ähnliche soziale Hierarchien, Rollenaufteilungen zwischen „Alt“ und „Jung“, zwischen Erfahrenen und Neuen, zwischen Reichen und Armen ausmachen. Manche Verhaltensweise, Rücksichtnahme oder auch negative Reaktion auf andere oder das eigene Gesicht, die sich dem Farang nicht auf Anhieb erschließen,  lassen sich mit diesem Hintergrund leichter nachvollziehen – und das im Großen wie im Kleinen: in der Bar, im Freundeskreis, im Unternehmen, in der Politik. Der Mikrokosmos Dorf und seine Struktur sind der Schlüssel zu Thailands Traditionen und Mentalitäten, die hier – vielleicht stärker als in anderen Ländern – das individuelle Handeln und das gesellschaftliche Leben bestimmten. Das gibt den Thais ein sicheres Fundament – gesellschaftlich und persönlich. Aber allzu oft ist diese Orientierung auf Tradiertes auch hinderlich bei der Weiterentwicklung Thailands in einer neuen Zeit voller Veränderungen in der Welt. Trotzdem erwarte ich, dass Thailand noch lange Zeit ein „Land der Dörfer“ bleibt.