In der Grotte: Buddha, Tempel und Dämonen

Im Halbdunkel der Grotte erwischte sie mich. Unverhofft, intensiv: Eine Ahnung von Ewigkeit. Eine Intuition von Erleuchtung. Thailand – das schrille, bunte, laute Land – war plötzlich weit weg, obwohl es doch nur draußen vor dem unscheinbaren Eingang zu dieser Stätte im Isaan lag, an der ich ein wenig Einsicht in die Weisheit des Buddhismus und in die Kraft seiner Botschaft erlangte.  

Die Thailänder sind im Allgemeinen ein fröhliches Völkchen. Sie kommunizieren gerne. Ihre Musik beim Volksfest oder ihre Fernsehgeräte auf der Terrasse zu Hause können nicht laut genug sein. Gemeinsame Tafelrunden sind ein großes, sympathisches, lebendiges Palaver und die gemieteten Beschallungen samt DJs bei Festen – egal ob Hochzeiten oder Beerdigungen – reichen leicht für ein ganzes Isaan-Dorf und nicht nur für die eigentlichen Party-Gäste. Und das auch gerne über mehrere Tage.

Auch Thailands Tempelanlagen wirken oft wie ein bunter Jahrmarkt und nicht wie Orte des Glaubens oder der Besinnung. Der Buddhismus ist in Thailand ein echter Volksglaube und wird auch so gelebt und praktiziert. Spätestens beim Besuch eines Tempels wird das jedem gegenwärtig. Selbst zu Hauptbesuchszeiten geht es im Kölner Dom dagegen geradezu kontemplativ zu. Eine bunte Mischung aus traditionellen Anbetungsstellen, skurrilen Comicfiguren, martialischen Darstellungen von Fegefeuerszenarien oder großen, naiv wirkenden Tierskulpturen gepaart mit Besprechungsecken für Mönchsberatung, in Rauchschwaden der Räucherstäbchen gehüllte Verehrungsstätten, Verkaufsstände und ausnehmende Sitzgruppen beherrschen nicht wenige der weitläufigen Anlagen, die beliebte Ausflugsziele der Thais an Wochenenden oder freien Tagen sind und in denen sie eben jenen Volksglauben ausleben.

Wer die berühmten Tempelanlagen in Thailands Hauptstadt Bangkok – insbesondere Wat Phra Kaeo, Wat Arun und Wat Pho – oder die historischen Khmer-Tempel im Isaan besucht, der hat zwar einen Einblick in das kulturelle Erbe Thailands bekommen und Thailands zentrale, identitätsstiftende Symbolorte kennengelernt, aber nicht die Orte des lebhaft praktizierten Glaubens an Übersinnliches und Geisterwelten, an mönchische Heilkräfte und Wahrsagerei. Die finden sich eher in den vielen übers ganze Land verstreuten großen und kleinen Tempelanlagen, die vielleicht kulturhistorisch nicht immer von hoher Bedeutung sind, dafür aber für die Thais einen Hort ihrer Alltagskultur darstellen.

Auch in einer Zeit täglich wachsender wissenschaftlicher Erkenntnisse und forschender Entschlüsselung von früher unerklärlichen Phänomen sind die Thais quer durch alle Bildungs- und Gesellschaftsschichten noch immer der festen Überzeugung, dass jenseits des Sichtbaren eine Dimension existiert, in der andere Gesetzlichkeiten herrschen, die aber mit ihrem irdischen Leben fest verbunden ist und darauf Einfluss nimmt. Und diese Dimension in all ihren Ausprägungen – Ahnenkult, Dämonenwelten, Animismus und der Kreislauf des Karma – muss bedient und berücksichtigt werden: durch regelmäßige Besuche im Tempel, durch Spenden und Opfergaben, durch die Befragung von Seherinnen und Sehern, Kartenlegern oder Sterndeutern bei wichtigen Lebensentscheidungen, durch Ritualhandlungen bei Veränderungen – ob Autokauf oder Hochzeit –  und durch das Respektieren der Älteren in Dorf und Familie sowie die Einbeziehung des Dorf-, Innungs- oder Sippenschamanen in kleine und große Ereignisse des Lebens.

Diese symbolreiche Welt des Übersinnlichen ist im thailändischen Alltag allgegenwärtig, nimmt Einfluss auf Entscheidungen im privaten wie im geschäftlichen Leben, auf persönliches Verhalten der Thais, auf medizinische Behandlungen oder alltägliche Gewohnheiten. Wer als Besucher, Geschäftspartner, Freund oder Gefährte von Thais dies nicht weiß oder vergisst, wird sich manches Verhalten und manche Situation in Thailand nicht erklären können und dabei ratlos, fassungslos oder manchmal sogar verärgert zurückbleiben. Nicht wenige Irrationalitäten des thailändischen Alltags erschließen sich – wenn überhaupt – für den westlich geprägten Rationalisten nur dann, wenn er sich darüber bewusst ist, dass für die Thais diese „übersinnliche Dimension“ allgegenwärtig ist.

„Buddhistisch“ im engeren Sinne der Lehre des Buddha ist dieser gelebte thailändische Volksglaube allerdings nicht. Der Buddha liebt es ja eigentlich eher schlicht: ein paar goldene Regeln für das richtige Verhalten im gegenwärtigen Leben, die Verheißung auf Erleuchtung als finalen Zustand der Existenz jenseits des „Ich“, der Glaube an einen ewigen Kreislauf des Lebens, der vom Karma – also der letztlich immer zu einem selbst zurückkehrenden Wirkungen von guten wie schlechten Taten –  geprägt ist: Mehr braucht es nicht im Buddhismus. Keine komplizierten Götterwelten wie bei den Hindus, kein Glaubensbekenntnis an das Wunder der Auferstehung und an den einen, dreifaltigen Gott wie im Christentum, keine Ergebung, Hingabe und Unterwerfung unter Allah und seinen Propheten Mohammed wie im Islam.

Buddha sah sich nicht als Gott, sondern als Lehrer. Der Buddhismus kennt keine Dogmen. Er ist quasi eine zutiefst basisdemokratische Religion, in der jeder ein Buddha werden kann. In Thailand gilt das allerdings nur für die Männer. Frauen sind noch mindestens eine Wiedergeburt – dann als Mann natürlich – von der Buddhaschaft entfernt.

Das ist nicht in jedem buddhistischen Land so. So gibt es durchaus Regionen und Richtungen des Buddhismus – in Vietnam zum Beispiel – wo auch Frauen ein gleichwertiges mönchisches Leben führen können. Das ist in Thailand nicht der Fall. Zwar ordinieren Frauen gelegentlich auf Zeit, aber keinesfalls auf einer Ebene mit den Mönchen. Nicht mal in der gleichen Kleidung. Die berühmte gelbe Mönchsrobe ist den Männern vorbehalten. Frauen, die sich temporär oder ganz in den Dienst der Religion stellen, tragen weiße Gewänder. Und immer noch zählt zu den Mönchsregeln, dass Frauen von ihnen niemals direkt berührt werden dürfen. Wenn doch, so ist eine langwierige rituelle Reinigung fällig.

Worin sich der Buddhismus in Thailand nicht von anderen Ländern unterscheidet, ist der hybride Umgang mit vorbuddhistischen Glaubensvorstellungen und Riten. Überall dort, wo dieser Glaube im Laufe seiner rund 2500jährigen Geschichte Anhänger gefunden hatte, sind andere Überzeugungen, Rituale und Traditionen nicht ausgemerzt, sondern weiter zugelassen oder sogar integriert worden. Das lässt sich leicht an den unterschiedlichen Ausprägungen, Strukturen und Ritualen von Buddhisten in verschiedenen Kulturkreisen nachvollziehen. Während katholische Messen oder muslimische Freitagsgebete überall auf der Welt etwa gleich ablaufen, kennen die Anhänger Buddhas keine einheitliche Glaubenspraxis: Die Unterschiede zwischen japanischem Zen-Buddhismus, tibetischem Lamaismus und selbst innerhalb des Theravada-Buddhismus – etwa zwischen Sri Lanka und Thailand – sind mannigfaltig.

Während wir im katholischen Katechismus die Unvereinbarkeit mit anderen religiösen Praktiken und Glaubensvorstellungen lernen, während das Christentum „Saulus“ und „Paulus“ kennt, setzt der Buddhismus eher auf Toleranz und Vereinnahmung. So ist es nicht verwunderlich, dass zum Beispiel in Tibet Rituale, Geisterwelten und Volksfrömmigkeit der Bön-Religion, des Vorläuferglaubens der buddhistischen Lama-Kultur, einfach übernommen wurden und bis heute Erscheinungsbild und Glaubenspraxis im Himalaya prägen. Genauso ist es in Thailand mit der auf Geisterglauben, Naturerscheinungen und Weissagungen beruhenden animistischen Traditionen. Sie sind Teil des Volksglaubens und der religiösen und kulturellen Praxis geblieben. Und zwar nicht nur geduldet, sondern sogar integriert in das Wirken der buddhistischen Religion. So segnen die Mönche bei einer Hochzeitszeremonie nicht nur Wasser, Bindfäden, Kerzenwachs und andere Utensilien, die erst später während des „heidnischen“ Hochzeitsrituals zum Einsatz kommen. Auch der Dorfschamane, der dieses animistische Ritual moderieren wird, erfährt eine besondere Segnung während der Mönchszeremonie, die ihn reinigt, bekräftigt und schützt für sein Werk der Vermählung (siehe auch: https://scontour.com/2019/01/26/isaan-verschlafene-hochzeit/ ). Diese fast schon sprichwörtliche buddhistische Toleranz hat natürlich ihre Grenzen. Und zwar genau dort, wo politische und ökonomische Machtfragen beginnen, mit religiösen Überzeugungen verknüpft oder gar begründet werden und wo andere Religionen oder Weltanschauungen– einst oder heute – gegenüber den Buddhisten aggressiv missionieren.

Doch all diese rationalen Betrachtungen waren in meinem Moment in der Grotte des Isaan-Tempels – als mich der Hauch von „Vipassana“, von Einsicht erreichte – weit, weit weg. Ich war alleine dort. Meine thailändische Sippe war draußen auf dem Tempelgelände unterwegs oder noch in der Audienzhalle verblieben, um fasziniert der Heilkunst der Mönche dieses Tempels zu folgen, der bekannt dafür ist, medizinisch hoffnungslose Fälle mit insbesondere chronischen Krankheitsverläufen Hilfe und Linderung zu verschaffen. Eben erst trug und zerrte eine Thai-Familie die fast erwachsene Tochter, die offenkundig unter einem schweren epileptischen Anfall litt, zu einem Mönch. Ich bin medizinisch nicht sonderlich bewandert, aber tatsächlich gelang es dem Mönch, die junge Frau zu beruhigen und ins „Hier und Jetzt“ zurück zu holen – unter den staunenden Blicken von Angehörigen und sonstigen Anwesenden. Denn auch im Tempel ist Privatheit, Schutz vor allgemeiner Anteilnahme am intimen Geschehen einer Mönchsbefragung, eines Rituals oder eine Heilung gänzlich unbekannt. Sorgen, Verfehlungen, Krankheiten und Ratschläge werden miteinander geteilt – egal ob es sich um die dabeisitzenden Verwandten oder gänzlich unbekannte Zeitgenossen handelt. Und egal ob man sich im Tempel oder einer staatlichen Krankenstation befindet.

Umso dankbarer bin ich dafür, in „meinem Moment“ in der Grotte allein gewesen zu sein. Auch wenn ich mich gar nicht allein gelassen fühlte, sondern seltsam behütet und verstanden, ohne sagen zu können, durch was oder von wem. Das war auch gar nicht wichtig in diesem Moment. Ich schaute auf die Buddha-Statue gegenüber des Platzes, an dem ich mich in der sonst so schmerzhaften Hockposition niedergelassen hatte, die mir in diesem Augenblick jedoch gar nichts ausmachte. Ein leichter Lichtstrahl von außen berührte die Statue, von der ich durch ein tiefes, dunkles Loch, das sich in der Mitte der Grotte auftat, getrennt war. Heiliges Wasser aus einer Quelle füllte das Loch, um dessen Rand herum Gläubige kleine Statuen – Buddhas und Figuren aus der Geisterwelt – im Laufe der Jahre drapiert hatten. Aber meine Augen blieben eigentlich an nichts in diesem Raum hängen. Sie fühlten sich an wie nach innen gedreht. Mich umfasste eine Ruhe, wie ich sie eigentlich zuvor noch nie erlebte. Natürlich gibt es diese „Magic Moments“ beim einsamen Sonnenuntergang an einem menschenleeren Strand, beim Blick über endlose Reisfelder oder andere prägnante Landschaften bei meinen unbegleiteten Wanderschaften (siehe auch https://scontour.com/2019/01/06/sunset-the-smooth-of-every-day%ef%bb%bf/ und https://scontour.com/2019/05/29/isaan-wanderungen-bai-nai/ ).

Aber das hier war etwas unbeschreiblich anderes. Es fühlte sich stark und gut an. Losgelöst und bedürfnisfrei. Ruhig, aber hellwach. Lächelnd, aber frei von oberflächlicher Heiterkeit.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, wie lange ich in der Grotte allein blieb – vermutlich fühlte es sich viel länger an als es tatsächlich war. Eine Gruppe mir sehr gut bekannter Thai-Frauen betrat jedoch irgendwann in bekannter Manier miteinander schnatternd die Grotte und beendete diese, meine sonderbare Szenerie. Aber das eigentlich verwunderliche daran war: obwohl ich gerne noch länger in diesem Moment geblieben wäre, empfand ich weder Zorn auf die Gruppe, noch ärgerte ich mich über die schnelle Störung noch war ich enttäuscht darüber, dass der Moment schon zu Ende war. Vielmehr empfand ich Freude, Erleichterung und Dankbarkeit dafür, einen solchen Moment erlebt haben zu dürfen. Und immer noch milde lächelnd betrachtete ich voller Güte die Frauen, wie sie leicht erschrocken meiner gewahr wurden, das Gerede einstellten und sich in mit der immer wieder faszinierenden Anmut ihrer Bewegungen andächtig in die Hockposition begaben,  um ihre traditionellen Sanskritverse zu murmeln: in der Hoffnung, ihr Lebenskarma dadurch positiv zu beeinflussen und mit dem Wunsch, dem Buddha ein Stück näher zu kommen. Ich bin mir seit diesem Moment sicher: Beides ist tatsächlich möglich.

Die Aufnahmen von Tempelanlagen und Zeremonien entstanden in den Orten bzw. Provinzen Bangkok, Bang Sare, Buriram, Chachoengsao, Chonburi, Pattaya, Samut Prakan, Sisaket und Surin.

Isaan: Verlobung vorm Frühstück

Mit einer Verlobung noch vor dem Frühstück, so wie es mir erging, muss es nicht zwangsläufig enden: Doch ein Trip in das „andere Thailand“ jenseits der Touristenhochburgen – zum Beispiel in den „Isaan“ im Nordosten – lohnt sich allemal.

Die Welt der Traumstrände, Luxushotels, gigantischen Tempelanlagen oder der bisweilen ebenso weitläufigen Vergnügungsviertel in Bangkok, Phuket oder Pattaya ist keineswegs Thailands einzige charakteristische Seite. Für die Thais wird das Land viel stärker durch „ihr“ Dorf irgendwo fernab der Städte und Touristen geprägt. Viele, die in den Metropolen ihren Arbeitsalltag leben, wünschen sich nichts sehnlicher, als eines Tages in ihr dörfliches Kleinod zurückkehren zu können. Die fruchtbare Landwirtschaft der unzähligen Dörfer hat Siam einst reich und mächtig werden lassen im Südosten Asiens. Und diese Landwirtschaft beherrscht weite Teile des Landes noch heute viel stärker als dies viele Touristen in ihren Hotspots wahrnehmen können.

Die ärmste Region des Landes ist der Isaan, eine relativ trockene Hochebene im Nordosten Thailands, an den Grenzen zu Kambodscha und Laos. Obwohl vom Grenzfluss Mekong berührt, ist im Isaan – im Gegenteil zur wasserreichen Tiefebene nördlich von Bangkok – zumeist nur eine Reisernte pro Jahr möglich. Trotzdem prägt die Landwirtschaft diese Region. Der meteorologische und geologische Nachteil sorgt bis heute für ein starkes wirtschaftliches Gefälle zwischen dem Isaan und dem Rest des Landes. Im Isaan trifft man noch am ehesten eine Situation an, die man früher als „Dritte Welt“ bezeichnet hätte. Viele aus dem Isaan sind längst ausgewandert, um ihre Existenz zu sichern. Als Fabrikarbeiterinnen, Taxifahrer, Hotelpersonal, Kleinunternehmer oder Barmädchen trifft man sie im ganzen Land.

Vor meinem ersten Trip in den Isaan bin ich daher gewarnt worden: Ringsherum nur Reisfelder. Elende, arme Hütten, in denen man auf harten Holzbohlen übernachten müsse. Kein Brot. Keine Wurst. Keine Dusche. Kein Warmwasser. Das „Hong naam“ – der Abort also – mindestens gewöhnungsbedürftig.

Ich war also gespannt! Und keineswegs beunruhigt. Denn meine Indien-Trips waren eine gute Schule und ich vertraute darauf, dass mich nichts mehr richtig schocken könne, seitdem ich drei Monate lang in einer Strandhütte ohne Heißwasser in Goa gelebt hatte. So war es dann auch, zumal sich die Hütte, in der ich zum ersten Mal in einem Isaan-Dorf übernachten sollte, durch die Transfergelder aus den Tätigkeiten des Eigentümers im Eastern Seaboard nahe Chon Buri als veritables Haus weit über dem üblichen Dorf-Standard herausstellte.

Jener Eigentümer, der sich als Selfmade-Mann in der Region Bangkok hochgearbeitet hat und heute eine veritable Fensterbaufirma sein Eigen nennt, ist der Onkel meiner heutigen Frau. Da die Eltern meiner Frau bereits verstarben, als sie noch ein kleines Kind war, ist er eigentlich mehr als irgendein Onkel, vielmehr Ersatzvater und Familienoberhaupt. Nachdem ich meine spätere Frau in Deutschland kennengelernt hatte und der erste „Gegenbesuch“ in Thailand anstand, hätte er mich zu gerne persönlich in sein Heimatdorf im Isaan gebracht. Aber seine Geschäfte ließen das zeitlich nicht zu. Nach einigen Tagen Bedenkzeit willigte er schließlich ein, dem „Farang“ einen seiner Firmen-Pickups zu überlassen, um damit in den Isaan zu fahren. Mir war das ganz recht. Zwar wäre ich gerne mit ihm, der mir von Anfang an sehr sympathisch und verbunden war, ins Dorf gefahren. Aber ich bin der weltschlechteste Beifahrer und fühle mich in einem Auto nur dann wirklich wohl, wenn ich es selbst lenke. Dies war für Onkel anfangs jedoch unvorstellbar: ein Ausländer mit seiner „Tochter“, deren Schwester samt Sohnemann, einer Freundin und auch noch seinem Firmenwagen unterwegs in unbekanntem thailändischem Terrain jenseits der Touristenpfade. Konnte das gut gehen? Es bedurfte einiges an Überzeugungsarbeit, um den Trip zu ermöglichen. Und so startete ich doch eines Tages von Chon Buri aus zum ersten Mal in den Isaan.

Die Sorgen des Onkels schienen sich übrigens nach wenigen Fahrkilometern schon zu bestätigen: Ohne es zu merken oder von den schnatternden Damen im Fond des Wagens darauf hingewiesen worden zu sein, bog ich bald nach dem Start in die falsche Richtung auf die Schnellstraße 331 ab. Nach etwa 20 Kilometern wunderte ich mich, dass immer noch die Stadt „Sattahip“ als Ziel angegeben wurde. Ich wusste damals schon, dass diese in südlicher Richtung am Meer lag, also genau entgegengesetzt zu meinem Ziel im Isaan. Also unterbrach ich irgendwann die Starkkommunikation meiner Mitreisenden, um mich zu erkundigen, ob es sich möglicherweise nicht um die richtige Reiserichtung handeln könnte. Nach etwa fünf Kilometern Diskussion kamen meine Begleiterinnen überein, dass sie meiner These dem Grunde nach zustimmen und schlugen einen angemessenen „U-Turn“! vor. So wurde es nach Rücksprache mit Onkel in Chon Buri gemacht, dessen Stimme mir am Telefon, obwohl ich die thailändischen Worte nicht verstand, sehr entnervt und besorgt vorkam.

Aber nach diesem kleinen Fehler gelang es mir, auf dem restlichen Weg in die „Surin Province“ im südöstlichen Isaan nicht mehr falsch abzubiegen und hatte an den Kreuzungen und Autobahnübergängen jeweils die volle Aufmerksamkeit der Reisegesellschaft. Die wirklich guten und auch jederzeit in lateinischer Schrift vorhandenen Ortsbezeichnungen und Richtungsschilder halfen mir dabei. So konnte ich jeweils etwa 3 Kilometer vor denjenigen Kreuzungen, an denen ich Zweifel über den richtigen Weg hegte, die Diskussion eröffnen. Und die Mädels kauften sogleich nachdem der Fehler auf der 331 bemerkt wurde, eine…… Straßenkarte?

Nein: ein Blumenbouquet, das in Thailand als Segensbringer für alle Reisenden am Rückspiegel befestigt wird. Damit sollte nichts mehr schiefgehen. Und so war es auch.

Auf meinem Highway-Trip fernab der Ballungszentren und Touristenhochburgen überraschte mich nicht nur die Beschilderung positiv. Die Hauptstraßen sind größtenteils gut ausgebaut, vierspurig und ähneln westeuropäischen Bundes- oder Nationalstraßen. Ein himmelweiter Unterschied zu meinen Overland-Trips in Indien! Und auch die sonstige Infrastruktur ist bestens: „Echte“ Tankanlagen mit den bekannten „7Eleven“-Märkten, „Food Courts“und gepflegten öffentlichen Toiletten, desweiteren Fahrbahnmarkierungen, Mittelstreifen, Ampelanlagen, an die sich die Verkehrsteilnehmer sogar halten und so weiter und so weiter: alles reichlich vorhanden!

Einige wenige Passagen der Strecke sind dennoch besonders herausfordernd. Bis heute beeindruckt mich jedes Mal die von mir so getaufte „Buriram-Stiege“, ein etwa acht Kilometer langer zweispuriger Aufstieg hinter Aranya Prathet, also genau an der Stelle, wo die Tiefebene endet und die Höhen des Isaan beginnen. Sowohl beim Start in die Stiege im Tal als auch oben am Zenit des Aufstieges, kontrollieren zwei Polizeistationen den Durchgangsverkehr. Man will sichergehen, dass alle Fahrzeuge, die am jeweiligen Punkt starten, am anderen auch wieder ankommen. Unterwegs zeugen die verrosteten, teilweise ausgebrannten Wracks an den bergigen Hängen, warum diese Maßnahme sinnvoll ist. Hat man das regelmäßige Pech, auf dem langen, schmalen Anstieg hinter einem überladenen, extrem langsam fahrenden Uralt-Truck zu geraten, wird die Stiege zum Geduldsspiel, das nur durch waghalsige – und zweifelsohne verbotene – Überholmanöver von weniger geduldigen Zeitgenossen unterbrochen wird. Für mich ist dieser Streckenabschnitt nicht nur fahrerisch herausfordernd und gefährlich, sondern geradezu mystisch. Die enge Straße, das dunkle Wald- und Dschungeldickicht links und rechts direkt am Fahrbahnrand, die fast ungesicherten Abhänge, die schleichenden Fahrzeuge: Alle Zutaten für ein düsteres Roadmovie sind vorhanden. Und daher verwundert es mich nicht, dass sich neben den beiden Polizeikontrollstellen jeweils eine Zeremoniestelle befindet, über und über mit Buddha- und anderen Statuen, Räucherstäbchen und Opfergaben versehen aus Dankbarkeit von denen, die die Passage überlebten oder als Gruß an die Seelen derjenigen, die auf dieser Strecke zu Tode kamen.

Und dann ist man „oben“. Im Isaan. Einer Landschaft mit zwei Gesichtern: dem staubig-sandig-trockenen in den Jahreszeiten, in denen der Reisanbau mangels Wasser ruht und dem saftig-grünen, wenn die Reisfelder in voller Pracht stehen.

Oktober und November sind eine gute Zeit, um den Isaan kennenzulernen. Alles ist in dieses satte Grün der Reisfelder getaucht, die kurz vor der Ernte stehen. Der Staub beschränkt sich auf die ungeteerten Dorfstraßen. Das Licht ist schön. Das Wetter warm, aber nicht erstickend heiß. Schon auf der Fahrt war ich beeindruckt.

Eine Woche lang nahm ich am Dorfleben teil, das für gewöhnlich in relativem Gleichklang dahinfließt, wenn nicht gerade ein Farang vor Ort ist oder ein Tempel- oder Familienfest ansteht. Der Chor der Hähne weckt am frühen Morgen, wenn es ihnen hell genug erscheint, auf jeden Fall aber bevor der Sonnenaufgang richtig startet. Dann unterbricht vielfaches Gurgeln, Husten, Wasserplätschern das Idyll. Das Dorf erwacht und mangels Geräuschdämmung ist man auch bei Nachbars zumindest akustisch live dabei.

Während des Tages herrscht behäbige Geschäftigkeit. Nur während der Erntezeit geht es etwas dynamischer zu. Am Nachmittag befahren diverse Händler die Dorfstraße. Sie klappern die Gegend ab und verkaufen Haushaltsgegenstände, gebratene Hühnchen, Eis oder sonstiges Allerlei und kündigen sich schon aus der Ferne mit lauter Musik aus getunten Autoboxen an. Und am Abend, nach Einbruch der Dunkelheit, wird es früh ruhig im Dorf. Nur an den zwei, drei Dorfläden ist dann noch Licht und Betrieb. In der Regel stehen dann Alkoholkauf und sein Verzehr im Mittelpunkt der Aktivitäten.

Ich mag diese Ruhe und Beschaulichkeit. Ich mag es, in aller Frühe durchs Dorf oder die Felder zu laufen. Die frische Unberührtheit des frühen Morgens ist ein Geschenk, dazu noch die zu dieser Uhrzeit immer angenehmen Temperaturen. Aber auch der beschauliche Nachmittag hat Charme, in der Sala sitzend, die Händler beobachtend, mit den Nachbarn quatschend, essend oder trinkend. Ich mag das, zumindest eine Zeit lang. Dann beginnt mir derjenige Teil zu fehlen, der für mich Thailand eben auch ausmacht, nicht zuletzt das Meer und die schönen Strände.

Vor meinen morgendlichen Roundtrips zu Fuß beginne ich den Tag gerne gemütlich mit einer Tasse thailändischem Instant-Kaffee auf der Blaufliesen-Terrasse des Familienheimes. Kaum hat man bemerkt, dass ich mich von meinem Schlafzimmer im ersten Stock die Holztreppe mit ihren etwas unregelmäßigen Stufen hinunterbewege, hat ein dienstbarer Geist schon das Wasser zum Kochen gebracht und serviert mir kurze Zeit später den Thai-Kaffee zum Start in den Tag.

Nur an diesem einen Tag während meines ersten Aufenthaltes war es anders. Ich kam ins Erdgeschoss und da war schon eine Menge los. Vorwiegend alte Leute hatten sich versammelt und ich wartete vergebens auf meinen Kaffee. Stattdessen wurde ich an eine Stelle bugsiert, an der ein gebratenes Hühnchen und sonstige einheimische „Leckereien“ auf einer Bodendecke lagen, nebst Eiern, Früchten, Wasser und einem Glas Mekong-Whisky. Ich identifizierte die Ansammlung als eine Art Frühstücksbuffet für mich und machte meiner Liebsten klar, dass ich auf dieses Gedeck gerade gar keinen Appetit hätte und stattdessen gerne meine Zigarette rauchen und meinen üblichen Kaffee trinken wolle. Statt einer Antwort beförderte sie mich jedoch ziemlich unsanft neben sich in Hockposition. Unsere dritte Mitreisende, die lange in Deutschland lebte, perfekt deutsch spricht und die ich während dieser ersten Woche alleine unter Thais gerne gelegentlich um interkulturellen Rat fragte, war nicht da. Sie hatte sich wohl – in weiser Voraussicht – aus dem Staub gemacht. Also kniete ich zusammen mit meiner Freundin, die einen leicht aufgeregten Eindruck auf mich machte, vor dem Hühnchen und das Dutzend weiterer Personen, überwiegend ältere Leute aus dem Dorf, gesellte sich zu uns. Einer von denen hatte wohl das Sagen und begann mit einer Art Zeremonie. Mir wurde klar, dass es sich also bei den Lebensmitteln nicht um mein Frühstück, sondern offenbar um Opfergaben handelte. Ich war kurzzeitig erleichtert. Nachdem der Altenclub dem Hühnchen in den soeben aufgerissenen Bauch schaute, teilten alle – warum auch immer – meinen Zustand der Erleichterung und fachsimpelten erfreut über die Anordnung der Innereien. Danach wurden Wasser und Alkohol jeweils mehrfach von einer Schüssel in die nächste gefüllt, wobei peinlich darauf geachtet wurde, dass meine Herzallerliebste und ich unsere Hände an den Schüsseln behielten. Kein Problem für mich, so lange ich das Zeug nicht trinken musste. Als die Alten dann damit begannen, mir und meiner Thai weiße, miteinander verbundene Bindfäden um die Handgelenke zu legen, schwante mir, dass es sich hier wohl um irgendeinen zwar animistischen, aber doch formalen und verbindlichen Akt der Verpartnerung handeln müsse. Das fand ich nun gar nicht lustig, denn erstens wähnte ich unseren aktuellen Beziehungsstatus noch als „in der Findungsphase“ und zweitens würde ich doch gerne zumindest vorher über die Durchführung solcher Aktivitäten informiert werden wollen.

Wie auch immer: Ehe ich mich versah, war ich soeben noch vor dem ersten Kaffee und der ersten Zigarette des Tages in meiner ersten Woche im Isaan vom Dorfschamanen verlobt worden. Das Innenleben des Hühnchens verhieß uns Glück und Wohlstand. Der Schamane und die Verwandtschaft waren zufrieden. Die Anspannung meiner nun Angetrauten war spürbar, sicherlich auch aufgrund des Überraschungscoups. Sie wusste wohl, einerseits, dass das aus meiner Warte ein wenig früh und unerwartet war, aber sie hätte wohl andererseits – hätte sie es nicht getan – im Dorf „Gesicht verloren“, was in Thailand gleichbedeutend mit einer sozialen Ächtung ist. Nach dem Ende der Zeremonie brachten wir – jetzt nur noch zu zweit – die Opfergaben zu einem Geisterhäuschen auf dem Grundstück, das nach dem animistischen Verständnis die Seelen ihrer verstorbenen Eltern beherbergt. Mit einem Moment der Stille und des Innehaltens, nach dem Entzünden von einigen Räucherstäbchen stellten wir die Gaben ab. Und sie sagte zu mir: „Now you´re really arrived in my Baan.“ Und sie sah dabei sehr glücklich aus.

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